EM-Kolumne in der Abendzeitung

Michael Köllner, Trainer des TSV 1860, ist ein Teil des Kolumnisten-Sixpacks der AZ.

EM-Kolumne von Michael Köllner: Die deutsche U21 als Vorbild

11. Juni 2021

Die EM wird angepfiffen - endlich! Eines vorweg: Mein größter Wunsch ist es, dass es "die EM nach Corona" wird: Es freut mich ungemein, dass endlich wieder Fans ins Stadion dürfen. Dadurch kehrt hoffentlich ein Stück weit die Zuversicht zurück: Die Menschen mussten sich so lange in Verzicht üben, für manche ging es an die Existenz.

Viel zu lange haben die Fans in den Stadien gefehlt. Dieses paneuropäische Turnier kommt vielleicht genau zur rechten Zeit: Es wäre toll, wenn dieses Fußballfieber in alle Fußballerherzen dringt, in alle Familien - und auf ganz Europa ausstrahlt.

Für Köllner ist Frankreich der Favorit

Mit Blick auf die Favoriten führt kein Weg an Frankreich vorbei: "Les Bleus" sind auf allen Positionen extrem stark besetzt. Ich durfte vor einigen Jahren mit einer DFB-Delegation ihre Jugendförderung begutachten. Diese hat sie sich mit dem WM-Titel längst ausbezahlt. Mit dieser Mannschaft um Kylian Mbappé werden sie noch weitere Lorbeeren ernten. Auch Belgiens goldene Generation um Kevin De Bruyne habe ich auf der Rechnung.

Die deutsche Nationalelf hat vielleicht nicht den besten Kader, aber eine starke Besetzung: mit Manuel Neuer den besten Torhüter der Welt. In Toni Kroos einen der erfolgreichsten deutschen Spieler der Historie. Thomas Müller als erfahrener, reaktivierten Haudegen. Wenn wir gegen die Franzosen gut ins Turnier starten und ein bisschen Matchglück haben, kann sich eine Dynamik entwickeln, die uns durch das Turnier trägt.

Ich freue mich auf eine EM, die uns hoffentlich allen Freude bereiten wird. Die U21 könnte dabei als Vorbild dienen: Als Vorbild, was mit einem ungebrochenen Teamgeist möglich ist - auch ohne Favoritenrolle.

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EM-Kolumne von Michael Köllner: Die große Kunst, das erste Tor zu schießen

18. Juni 2021

Der Trainer des TSV 1860 ist ein Teil des Kolumnisten-Sixpacks der AZ. Heute schreibt er über den schwierigen ersten Treffer gegen defensiv starke Teams.

Die erste Runde ist vorbei bei dieser EM. Jede Nationalmannschaft hat nun mindestens ein Mal gespielt. Dabei ist von den Ergebnissen her vieles so eingetreten, wie man es erwarten konnte - leider auch die Niederlage gegen Frankreich. Dennoch ist noch lange nichts verloren, denn gegen Portugal und Ungarn werden wir mehr Möglichkeiten bekommen als gegen die so defensivstarken Franzosen, die mit das reifste Spielsystem überhaupt haben.

Viele Teams tun sich schwer, das erste Tor zu erzielen

Beim Blick auf die EM fällt auf: Viele Teams tun sich schwer, das erste Tor zu erzielen. Das ist und bleibt die schwierigste Kunst. Die Spanier haben sich an den Schweden sogar die Zähne komplett ausgebissen. Das liegt in erster Linie daran, dass die meisten Teams einen defensiv kompakten Block spielen können. Erst, wenn ein Tor gefallen ist, müssen sie mehr Risiko gehen.

Was den Spielstil der Teams anbelangt, sind teils grundsätzliche Unterschiede zu beobachten: Nimmt man Außenseiter wie Nordmazedonien oder Ungarn, so haben sie mit Goran Pandev und Adam Szalai im Sturmzentrum beschlagene und wuchtige, aber langsame Spieler. Kein Wunder, dass diese Teams mit ihrem Pressing extrem mutig attackieren, da sie ihre Balleroberungen so weit vorne wie möglich haben wollen, um ihre Torjäger in Position zu bringen.

Der Gegenentwurf? Topfavorit Frankreich: Die haben uns kommen lassen, unsere Spieler tief aufgenommen. So nimmst du dem Gegner trotz Ballbesitz, trotz Ackern und Mühen die Dynamik. Mit ihren schnellen Spielern um Kylian Mbappé und dessen monstermäßigem Tempo können sie bei Ballgewinn gnadenlos kontern. Damit sind sie der Favoritenrolle von Anfang an gerecht geworden.

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Michael Köllners EM-Kolumne: Hauptsache weiter!

25. Juni 2021

Der Löwen-Coach ist ein Teil des Kolumnisten-Sixpacks der AZ. Diesmal schreibt er über den deutschen Zitter-Einzug ins Achtelfinale.

Das 2:2 gegen Ungarn habe ich im Löwen-Stüberl geschaut. Was für eine emotionale Achterbahnfahrt! Es hat für mich zwei Dinge gezeigt: Wir tun uns extrem schwer, gegen tief stehende Gegner auf engem Raum Torchancen herauszuspielen. Wir haben aber die richtige Einstellung und den Willen, den man für solche Spiele braucht. Die Ungarn wollten anfangs höher verteidigen, aber nach dem aus deutscher Sicht sehr ärgerlichen 0:1 haben sie das eigene Tor verbarrikadiert.

Ich bin kein Freund davon, die Körpersprache zu überzeichnen

Wir hatten unsere stärkste Phase nach dem Rückstand, aber nach dem Hummels-Kopfball und der Riesen-Chance durch Ginter hat der Druck schon wieder nachgelassen. Da wünscht man sich natürlich ein zwingenderes Spiel mit deutlichem Zug zum Tor. Es ist aber fehl am Platz, wenn über 80 Millionen Bundestrainer mit manchen Nationalspielern zu hart ins Gericht gehen: Kai Havertz oder Leroy Sané Lustlosigkeit zu unterstellen, ist natürlich falsch.

Ich bin kein Freund davon, die Körpersprache zu überzeichnen, denn wichtig ist, was in ihren Herzen vorgeht. Ihr Tun macht mich als "Fan" aber auch manchmal wahnsinnig, wie bei Sané: Er hatte am Schluss gleich zwei Aktionen, in denen wir alles klarmachen können. Da laufen zwei Spieler von uns ein, und er haut ihn hoch drüber. Da hätte man Gulácsi nur noch fragen müssen: "Wo willst Du ihn hinhaben?" So was ist für den Trainer draußen zum Haareraufen. Das sind ja keine C-Jugendspieler mehr, sondern unsere besten Profifußballer. Na ja, Hauptsache weiter.

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EM-Kolumne von Michael Köllner: Kein passendes System

2. Juli 2021

Der Trainer des TSV 1860 ist ein Teil des Kolumnisten-Sixpacks der AZ. In diesem Teil schreibt der Oberpfälzer über das System der Nationalmannschaft, das bei der Europameisterschaft nicht funktionierte.

Ein 0:2 gegen England, ausgeschieden. Ich war sehr enttäuscht über das Ergebnis und die Art, denn Angst und Schrecken haben die "Three Lions" nicht verbreitet – im Gegenteil: Sie hatten einen Heiden-Respekt vor uns, wie man an der Aufstellung gesehen hat.

Das Aus hat für mich vielschichtige Gründe. Wir hatten sowohl in der Vorbereitung, als auch der EM, keine richtig guten Spielphasen. Beim WM-Triumph 2014 waren wir in den vier Spielphasen - Offensive, Defensive, Konter und Gegenpressing - sowie den Standards top.

Defensive nicht sattelfest, Offensive nicht gefährlich

Nun war schlicht gar nichts richtig gut: Wir standen in der Defensive nicht sattelfest, wie es uns früher stark gemacht hat und jetzt von den Engländern oder den Italienern demonstriert wurde. Wir haben auch keinen begeisternden Offensiv-Fußball gespielt, mit Ausnahme einer kurzen Phase gegen Portugal.

Jogi Löws größter Fehler war für mich, dass er kein passendes System gefunden hat. Er hat versucht, so viele hochkarätige Spieler wie möglich auf dem Platz unterzubringen: Kroos als Sechser, obwohl er ein Achter und kein Abräumer ist. Daneben Gündogan und Kimmich auf ungewohnten Positionen. Wie sollen die Spieler da auf ihr Top-Niveau kommen?

Vorne haben wir im 3-4-3 mit drei schnellen Spielern agiert, oft mit dem Rücken zum Tor platziert. So konnte nie Tempo aufkommen. Wenn man ein 3-4-3 spielt, heißt das für mich: Angriffspressing. Wir haben uns eher zurückgehalten, teils viel zu passiv gespielt.

Man muss nicht alles in Schutt und Asche reden, aber wir brauchen in Zukunft eine griffige Systematik. Mit Flick kommt ein Trainer mit ungebrochener Akzeptanz, der ohne Vorbehalte an die Sache rangehen kann.

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