Erfolg kann weit mehr umfassen als drei Punkte

Der 49-jährige Deutsche ist seit 2004 DFB-Fußballlehrer und schrieb mehrere Fußballtaktik- und Trainerhandbucher.

Von Dominique Taboga

Michael Köllner war von 2002 bis 2014 DFB-Koordinator für Talentförderung. Im März 2017 übernahm er den Trainerposten beim Zweitligisten 1. FC Nürnberg und stieg in der darauffolgenden Saison 2017/18 mit dem Klub in die Fußball-Bundesliga auf. Dem Sport Business Magazin gab er einen tiefen und interessanten Einblick in das Trainergeschäft, in das er nach seiner Beurlaubung im Februar 2019, wieder zurückkehren möchte.

Wie wird ein Trainer in Deutschland gesehen? Wie ist der Stellenwert eines Trainers in Deutschland?
Grundsätzlich hat der Cheftrainer eine ganz zentrale Position in einem Fußballverein. Er ist eine Führungskraft, die viel Verantwortung trägt. Tag für Tag arbeitet er gemeinsam mit seinem Staff mit den Spielern, entwickelt den Kader weiter und ist somit eine Art Architekt des Erfolges. Zudem repräsentiert er den Klub nach außen. Demnach wird ein Trainer in Deutschland im Erfolgsfall zunächst einmal intern wie extern positiv wahrgenommen. Bei der externen Wahrnehmung kommt es allerdings auch ein Stück weit auf den Verein und dessen Verwurzelung in der jeweiligen Region an. Denn der Stellenwert des Trainers wird neben dem sportlichen Erfolg durchaus auch am Standing des Klubs gemessen.
Im Zusammenspiel mit den Verbänden ist es interessant, dass die Trainer in Deutschland zuletzt bei so einschneidenden Entscheidungen, wie der Einführung des Videobeweises, oder der gelben und roten Karten für Trainer, erst im Nachhinein informiert wurden. Da würde ich mir schon mehr Zusammenspiel wünschen.


Nimmt die Funktion des Sportdirektors bereits eine wichtigere Rolle ein als die des Trainers?
Das variiert von Verein zu Verein. Sicherlich ist der Sportdirektor eine größere Konstante innerhalb eines Klubs als ein Trainer. Er ist ein sehr wichtiger Faktor, weil er übergeordnet die Richtung vorgibt. Natürlich wäre es wünschenswert, dass beide Positionen – Trainer und Sportdirektor – eine hohe Kontinuität hätten, weil Vereine dadurch stabiler und somit folglich auch erfolgreicher werden würden.


Werden die Spieler wichtiger als der Trainer gesehen?
Das ist ein schwieriges Thema. Es kommt darauf an, welche Kriterien man zur Beantwortung dieser Frage zugrunde legt. Denn auf der einen Seite schreibt man den Trainern zu, dass sie der ausschlaggebende Faktor für Erfolg oder Misserfolg ihrer Mannschaft sind. Auf der anderen Seite gestaltet sich das Gehaltsgefüge so, dass Spieler nicht selten deutlich mehr verdienen als Trainer. Was ist nun ausschlaggebend für die Beurteilung der Bedeutung der Protagonisten? Das lässt sich aus meiner Sicht nicht abschließend beantworten.

Werden Trainer zu schnell entlassen? Sollte ein Trainer deshalb kein langfristiges Konzept mehr haben?
Auch das differiert je nach Verein. Einige Klubs sind sicherlich an einem langfristigen Konzept interessiert, weil Nachhaltigkeit ihre einzige realistische Erfolgschance ist. Andere können sich den kurzfristigen Erfolg im wahrsten Sinne des Wortes (er)kaufen. Dort wird der Trainer dann aber dementsprechend eher ausgewechselt. Am Ende wäre sicherlich auch in solchen Vereinen eine Langfristigkeit schön, aber oft steht der Erfolg in Form von kurzfristigen Resultaten über allem.


Sollte an einem Trainer auch bei Misserfolg festgehalten werden, um ein langfristiges Ziel verfolgen zu können?
Zunächst einmal ist wichtig, dass die Verantwortlichen festlegen, wie sie Erfolg und Misserfolg definieren wollen. Erfolg kann ja weit mehr umfassen als drei Punkte am Wochenende. Es kann zum Beispiel als Erfolg gewertet werden, einen Verein in einer bestimmten Liga zu etablieren, ihn wirtschaftlich so aufzustellen, dass er langfristig gesund und stabil bleibt. Auch, dass ein Trainer vorrangig junge Spieler einbaut oder die Spielweise verändert. Da gibt es zahlreiche Variablen, die eine Rolle spielen können. Erst wenn die entsprechenden Parameter festgelegt sind, kann man sagen, ob man an einem Trainer festhalten möchte oder nicht, weil man Erfolg dadurch messbar macht.


Worin sehen Sie die Gründe für zu schnelle Entlassungen?
Das lässt sich jetzt nicht so im Rundumschlag sagen, aber es sind oft Entscheidungen, die etwas irrational getroffen werden. Grundsätzlich gilt: In der Bundesliga und in der Zweiten Liga in Deutschland ist sehr viel Geld im Spiel, auch wenn wir uns natürlich nicht in solchen Dimensionen bewegen wie in England. Doch auch in Deutschland wirkt sich durch die TV-Gelder jede Tabellenplatzierung am Saisonende monetär aus. Vereine planen mit Platzierungen und dementsprechend mit Geldern. So kann es vorkommen, dass es intern jede Woche Thema ist, was ein Abrutschen in der Tabelle um ein bis zwei Plätze für einen Verlust bedeutet, oder welchen Gewinn es bringen würde, wenn man zwei oder drei Plätze nach oben klettert. Das ist eigentlich eine paradoxe Sichtweise, weil es ja anders als in DAX-Konzernen ist, wo jede Woche abgerechnet wird. Im Fußball ist erst die Platzierung nach dem letzten Spieltag entscheidend. Nichtsdestotrotz kommt es aufgrund dieser Sichtweisen zu Reaktionen, die sich dann auch in Entlassungen niederschlagen.


In England ist der Trainer zugleich Sportdirektor. Wie stehen Sie zu diesem Konzept? Könnten damit Konflikte innerhalb des Vereins vermieden werden? Oder ist dieses Modell in Deutschland nicht durchführbar?
Ob das englische Konzept in Deutschland wünschenswert beziehungsweise durchführbar wäre, vermag ich nicht vollumfänglich zu beurteilen. Eine solche Struktur muss immer auch zur Kultur des jeweiligen Landes passen. In Deutschland oder auch in anderen Ländern ist man bislang gut damit gefahren, diese Posten nicht in Personalunion zu
vergeben. Vereine fühlen sich gut aufgestellt, wenn die Verantwortung auf mehreren Schultern verteilt wird, weil es sich bewährt hat. Dieses Modell hat natürlich den großen Vorteil, dass sich eine gesunde Diskussionskultur entwickeln kann, die viel Substanz in die Angelegenheiten bringen und damit top Entscheidungen begünstigen kann.
Was das Konfliktpotenzial betrifft, ist wohl in allen Unternehmen eine schlanke Struktur erfolgversprechend. Das heißt
aber nicht, dass man alle Kompetenzen auf einer Position vereinen muss.


Sollte bei Misserfolg nicht nur der Trainer gehen müssen, sondern auch der sportliche Leiter?
Wie vorhin schon gesagt – erst wenn man Erfolg und Misserfolg klar definiert, kann man am Ende seriös bewerten, wer die Verantwortung trägt, wenn es nicht so läuft, wie man sich das vorgestellt hat. Verantwortungsbereiche lassen sich auf Grundlage einer genauen Definition dessen, was man durch welche Maßnahmen in welchem Zeitraum erreichen möchte, bestimmen. Die Details müssen klar ausdifferenziert werden, um nicht ausschließlich vom Ergebnis am Wochenende abhängig zu sein. Es darf nicht so sein, dass ein 1:0-Sieg oder eine 0:1-Niederlage die einzigen Parameter dafür sind, den Daumen zu heben oder zu senken.


Ist das Aufgabengebiet für einen einzelnen Trainer überhaupt machbar? Benötigt es mehrere Fachmänner im Trainerstab?
Das Aufgabengebiet ist insgesamt sehr komplex. Daher muss man einen gut aufgestellten Trainerstab haben, in dem jeder auf seinem Fachgebiet ein Top-Experte ist. Der Chef-Trainer ist dann am Ende derjenige, der alles zusammenführt, sich aus den unterschiedlichen Bereichen die Expertise holt und auf dieser Grundlage seine Entscheidungen trifft. Es ist wichtig, dass man hochqualifizierte, gute Leute um sich herum hat, um den bestmöglichen Erfolg zu erzielen.


Was muss ein moderner Trainer alles können? Welche Aufgabengebiete gibt es? Was ist das Anforderungsprofil?
Trainer haben inzwischen sehr vielfältige Aufgaben. Wie früher gibt es die klassischen Bereiche Athletik- und Torwarttraining. Außerdem spielen auch Prävention und Leistungsdiagnostik eine immer wichtigere Rolle. Hinzu kommen noch alle Themen rund um Daten, die vorrangig für die Leistungsdiagnostik und Leistungsoptimierung herangezogen werden. Darüber hinaus gehört auch all das dazu, was aus der Gegnerbeobachtung und der Beobachtung der eigenen Mannschaft ins individuelle Training, ins Training mit kleinen Gruppen oder in die Analyse fürs kommende Spiel einfließen kann. In der Vergangenheit wurden diese Themengebiete von einem kleinen Personenkreis bewältigt, zunehmend setzt man im Fußball auf Spezialisten. Je nach Anforderungen des Vereins kann man die Aufgaben somit entweder von einem kleinen Stab ausführen lassen, oder man kann für jeden Bereich einen Trainer beziehungsweise Spezialisten einsetzen. Je größer der Staff ist, desto komplexer ist es, ihn zu führen. Mit zunehmender Mitarbeiterzahl wächst die Anforderung an den Chef-Coach. 
Ein entscheidender Faktor in meiner Herangehensweise ist, möglichst jede Minute effektiv zu nutzen. Das gelingt, wenn alles bis ins Detail vorbereitet ist, die Trainingseinheiten durchdacht und genau geplant sind, um auch hier jede Minute effektiv zu nutzen - ohne Standzeiten und Leerlauf. Gleiches erwarte ich folglich auch von meinem Team.


Wie sieht eine Trainingsgestaltung bei Ihnen aus?
Es ist wichtig, an den eigenen Stärken, „an“ der Mannschaft und mit jedem einzelnen Spieler zu arbeiten. Das geht bis in den technischen und individualtaktischen Bereich. Wie komplex eine Woche sein kann, sieht man bereits, wenn man mit viel individuellem Training und Positionstraining die spezielle Technik – also die Spiel- und die Basistechnik – schult. In der Trainingsgestaltung ist es zudem wichtig, dass man seinen Staff als Chef-Trainer mit einbezieht. Es macht Sinn, dass in Teilen des Trainings in Gruppen gearbeitet wird und jeder Spezialist aus dem Staff seine Rolle ausleben kann. Sonst bräuchte man keinen großen Trainerstab. Entscheidend ist jedoch vor allem ein roter Faden, der sich durch die gesamte Saison zieht, um die Spieler, ergo jeden einzelnen, und damit auch die Mannschaft mit einem klaren Konzept weiterzuentwickeln.

Wie hat sich das Trainergeschäft in den letzten Jahren verändert?
Insgesamt wird der Fußball auf Basis der technischen Möglichkeiten viel detaillierter betrachtet. Es gibt zahlreiche Analysen, viele Statistiken, die in einer differenzierten Auswertung münden. Die Auswertung wirkt sich wiederum aufs Training aus. Außerdem hat sich das Trainergeschäft durch den großen medialen Fokus verändert. Zum einen sind die sozialen Medien dazugekommen, zum anderen gibt es zum Beispiel 24-Stunden-Sendungen über Fußball und damit das Bedürfnis, Informationen zu erhalten. Darüber hinaus werden Trainer zunehmend auch vermehrt in die Betreuung beziehungsweise in die Gewinnung von Sponsoren eingebunden. Wie nahezu alles im Leben befindet sich auch der Trainerjob in einem steten Wandel. Doch eins bleibt konstant: Wer sich als Coach und fachlicher Inspirator versteht, ist auf dem besten Wege, seine Mannschaft für die gemeinsame Sache zu gewinnen. Eine moderne Führungskultur lässt sich nur durch vorbildliches Handeln etablieren.


Wie stehen Sie zu technischen Hilfsmitteln? Kann man ohne noch erfolgreich sein?
Technische Hilfsmittel sind überragend für die Arbeit. Es ist wichtig, dass man diese nutzt, denn ohne sie ist es ungleich schwieriger, erfolgreich zu sein. Der FUSSBALL KONGRESS in Bern war für mich eine gute Bühne, um Neuerungen kennenzulernen. Den Vorsprung, den einem technische Hilfsmittel verschaffen, sollte man clever nutzen. Wenn einem
das gelingt, ist man gut aufgestellt. Zum einen verlangt das ein Spieler und zum anderen hat das etwas mit Professionalität zu tun. Wenn man sich auch in diesem Bereich professionell aufstellt, ist es möglich, vor allem langfristig erfolgreich zu sein. Dabei denke ich an Daten aus der Videoanalyse, der Leistungsdiagnostik oder auch an psychologische Parameter. Außerdem kann man dem Spieler eine höhere Leistungsfähigkeit über Ernährung, Schlaf etc. ermöglichen. All das geht ohne technische Hilfsmittel nicht mehr. Veränderung und Entwicklung sind im Leben die einzigen Konstanten. Wer in Zukunft erfolgreich sein will, braucht die Fähigkeit und Bereitschaft, sich auf ergebnisoffene Prozesse einzulassen, stets Neues zuzulassen und sich das Neue zunutze zu machen.

Quelle: Sport Business Magazin
Ausgabe Herbst 2019
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