Ex-Club-Trainer Michael Köllner: Ich habe mich noch nie verbogen

Er war der erste Oberpfälzer Trainer in der ersten Liga. Mit Nürnberg stieg Michael Köllner 2018 auf. Die Zeit beim Club hat er aufgearbeitet, der Blick geht nach vorne. Im Onetz-Interview spricht er über Fehler und Klopp-Kontakte.

Michael Köllner zieht die Bremse: „Ich mache derzeit Diät“, erzählt er. „Kein Zucker, keine Süßigkeiten, kein Alkohol, keine Kohlenhydrate.“ Im Interview mit den Oberpfalz-Medien hat der Fußballtrainer, der aus Fuchsmühl (Kreis Tirschenreuth) stammt und bis vor einem halben Jahr Trainer beim 1. FC Nürnberg war, aber richtig Appetit – auf Fußball. Das Gespräch mit dem 49-Jährigen führten die Sportredakteure Alfred Schwarzmeier, Josef Maier, Armin Eger und Fabian Leeb.

ONETZ: Wie gut ist eigentlich Ihr Englisch?

Michael Köllner: Mein Englisch ist ganz passabel. Das ist schon in Ordnung. Ich bin weiterhin dran. Sie sprechen mich wohl auf Swansea City an, oder? Das war im Sommer schon ein Thema. Für mich wäre es nach wie vor auch reizvoll, ins Ausland zu gehen, wobei das natürlich kein Muss ist.

ONETZ: Wie war das jetzt im Sommer genau mit einem möglichen Engagement bei Swansea?

Michael Köllner: Ich war einer der letzten beiden Bewerber. Als ich von dem starken Interesse hörte, haben wir uns in London getroffen. Es ging darum, wie ich Fußball spielen lasse, wie ich den Kader einschätze. Ich habe dabei auch einiges gelernt ... 

ONETZ: Nämlich ...

Michael Köllner: Ich habe gelernt, dass ich vorher einen kompletten Trainerstab benötige. Ich habe vor dem Treffen noch hektisch rumtelefoniert und meinen möglichen Staff zusammengestellt. In diesem Zuge wurde mir klar, dass ich mit mehr Vorlauf planen sollte. Und jetzt bin ich bereit.

ONETZ: Wales. Was hätte da Ihre Frau gesagt?

Michael Köllner: Meine Frau hat jetzt nicht die Hände hochgerissen, als sie von Wales gehört hat. Sie wäre aber natürlich mitgegangen.

ONETZ: Wie sehr vermissen sie diese Flair im Profi-Fußball? Dieses Ambiente?

Michael Köllner: Natürlich fehlt mir der Kontakt zu einer Mannschaft, diese Aufgabe, sie aufs Spiel vorzubereiten. Aber das Drumherum fehlt mir nicht. Ich beschäftige mich nach wie vor intensiv mit Fußball, bin in den vergangenen Monaten jedoch auch zu anderen Dingen gekommen. Ich schreibe jetzt mein drittes Buch. Es wird ein Trainer-Handbuch, derzeit verhandle ich mit Verlagen. Ende November soll das Manuskript fertig sein. Außerdem ist die Familie in den drei Jahren beim Club sehr kurz gekommen. Ich genieße es derzeit schon ein bisschen, nicht mehr fremdbestimmt zu sein.

ONETZ: Sie haben wahrscheinlich auch viel über die Zeit als Trainer in Nürnberg nachgedacht. Haben Sie auch Fehler gemacht?

Michael Köllner: Natürlich. Man trifft ja jeden Tag zig Entscheidungen, da kann nicht jede richtig sein. Die Situation war ja so: Uns ist mit einer leicht überdurchschnittlichen Mannschaft, die eigentlich ins Verfolgerfeld der zweiten Liga gehört hätte, der Aufstieg gelungen. Das war mehr als überraschend – und vielleicht kam der Aufstieg zu früh. Dieser Teamgedanke, diese Stärke, die uns zu diesem tollen Erfolg geführt hat, war in der Bundesliga nicht mehr so ausgeprägt. Es waren viele Spieler nicht mehr bei uns, die für den Teamspirit wichtig waren: Brecko, Sepsi, Kirschbaum, Werner. Auch diejenigen, die nicht oft gespielt haben in der zweiten Liga, waren für eine harmonische Gemeinschaft wichtig. Außerdem habe ich Kevin Möhwald sehr vermisst. Hinzu kam, dass nach vier Jahren in der zweiten Liga die Diskrepanzen bezüglich des Kaders gegenüber den etablierten und vor allem erfahrenen Teams in der Bundesliga einfach nicht wegzudiskutieren sind.

ONETZ: Sind Sie ein bisschen neidisch, dass die Club-Verantwortlichen finanziell jetzt andere Möglichkeiten haben?

Michael Köllner: Wir hatten andere Voraussetzungen als jetzt. Absolut oberstes Ziel war es damals, den Verein zu sanieren. Ich hätte natürlich auch darauf pochen können, dass wir neue Spieler holen. Medial wäre das einfach gewesen, den Vorstand unter Druck zu setzen. Aber es war vorher klar, dass der Kurs auf die wirtschaftliche Konsolidierung des Vereins ausgerichtet sein würde. In den zwei Jahren haben wir Gewinn gemacht. Konkrete Zahlen wird man bei der nächsten Hauptversammlung erfahren. Darüber hinaus wollten wir wieder Woche für Woche offensiven, attraktiven Fußball zeigen, eine Mannschaft mit nahbaren Gesichtern aufbauen und junge Spieler entwickeln. Die Fans waren mir zudem eine Herzensangelegenheit. Wir wollten wieder eine Einheit mit den Fans sein. 

ONETZ: Sie betonen trotzt des abrupten Abschieds immer wieder Ihre Wertschätzung gegenüber dem Club ...

Michel Köllner: Der Club wird immer ein Rolle in meinem Leben spielen. So eine intensive und durchaus erfolgreiche Zeit mit einem Verein erleben zu dürfen, wird nicht jedem zuteil. Beim Club wurde ich Profitrainer, durfte wahnsinnig schöne Momente erleben, und die Fans werden immer einen Platz in meinem Herzen haben. Besonders die Nordkurve fehlt mir schon ein wenig. 

ONETZ: Als Sie Cheftrainer waren, arbeitete sich auch Patrick Erras nach seiner schweren Knieverletzung wieder ins Team zurück. Hatten Sie manchmal Zweifel, dass es der Raigeringer schafft, noch mal Profiniveau zu erreichen?

Michael Köllner: Wir haben alles dafür getan, dass er wieder gesund wird. Patrick brauchte auch eine starke individuelle Betreuung. Wir hatten uns extra wegen Patrick personell stärker aufgestellt und einen zusätzlichen Athletiktrainer eingestellt. Er ist jetzt wieder absolut in einem Zustand, professionell zu spielen. Zu ihm wie auch anderen Spielern habe ich zum Beispiel an Geburtstagen Kontakt. 

ONETZ: Wie gut tut es eigentlich, jetzt wieder ganz frei reden zu können. Als Vereinstrainer hat man ja doch seine Zwänge ...

Michael Köllner: Ich habe mich nie verbogen und mich daher auch nie in Gesprächssituationen unwohl gefühlt. Auch in Pressekonferenzen habe ich das zum Ausdruck gebracht, was mich bewegt. 

ONETZ: Außergewöhnlich zu ihrer Club-Zeit war auch Ihr gutes Verhältnis zu Sportvorstand Andreas Bornemann. Er hat sein Schicksal mit dem Ihren verknüpft.

Michael Köllner: Das ist im Profifußball schon etwas Besonderes, wenn einer so loyal ist, zumal wir uns vorher nicht kannten. Es hat aber vorher Absprachen gegeben. Da ich meinen Teil in Form von Zielerreichungen im sportlichen und wirtschaftlichen Bereich, die ich bereits vorher angerissen habe, erfüllt habe, war es auch für ihn wichtig, sich an diese Absprachen zu halten. Wir telefonieren ab und an. Oder haben uns mal in Hamburg gesehen, als ich dort einen Termin hatte. Wir haben jetzt ganz normal Kontakt.

ONETZ: Bornemann ist jetzt bei einem tollen Klub ...

Michael Köllner: (lacht) Ja, der FC St. Pauli und das Millerntor sind schon etwas Besonderes. Die Fans von St. Pauli findet man überall. In der zweiten Liga haben wir mit dem Club dort gespielt: ein unspektakuläres 0:0, trotzdem Riesenstimmung. St. Pauli ist Kult. Es gibt wenige Vereine in der zweiten Liga, die das Stadion des Gegners immer vollmachen. St. Pauli schafft das.

ONETZ: Sie waren mehr als 12 Jahre beim DFB angestellt. Käme eigentlich eine Rückkehr, wie jetzt bei Manuel Baum, infrage?

Michael Köllner: Das sind völlig unterschiedliche Dinge: Verband und Verein. Es waren wirklich 12 schöne Jahre beim DFB. Ausschließen kann ich das nicht, aber aktuell ist das kein Thema. 

ONETZ: Wie gefällt Ihnen eigentlich derzeit die Nachwuchsausbildung im deutschen Fußball?

Michael Köllner: In Deutschland ist es immer schwierig, Strukturen aufzubrechen. Was eingefahren ist, gibt man ungern auf. Die Franzosen haben sich vor einigen Jahren mal an - gefühlt - alles herangetraut. An Spielfeldgrößen etc. Wir haben jahrelang gebraucht, um für Kleinkinder kleine Feldgrößen, kleine Tore und andere Ballgrößen einzuführen. Aber Deutschland ist trotzdem mit seinen mehr als 20 000 Vereinen eine Urgewalt.

ONETZ: Wie sehen Sie die Entwicklung der Nationalelf?

Michael Köllner: Es wird sicherlich etwas Zeit brauchen, um wieder Titel gewinnen zu können. Momentan bewegen wir uns, wenn man die Spiele zuletzt sieht, schon in einer Übergangsphase. Die scheint noch nicht abgeschlossen zu sein. Wichtig ist, die nötige Geduld aufzubringen und nicht nachzulassen, aber Deutschland wird wieder Titel gewinnen.

ONETZ: Sie wollen die Zeit jetzt auch zur Weiterbildung nutzen. Welche Hospitationen sind angedacht?

Michael Köllner: Ich habe einige Dinge angefragt, in England etwa ...

ONETZ: Wie wär's bei Klopp in Liverpool?

Michael Köllner: Bei Jürgen Klopp ist es schwierig, auch wenn ich mit ihm 2004 den Fußballlehrer gemacht habe. Wir haben vor kurzem mal geredet. Aber er hat ungemein viele Anfragen. Es ist nicht einfach, ich kenne das aus Nürnberg. Wenn Leute sich fortbilden wollen, muss man sich mit ihnen beschäftigen. Und das lenkt von der täglichen Arbeit ab.

ONETZ: Könnten Sie sich eigentlich vorstellen, auch mal als Co-Trainer zu arbeiten?

Michael Köllner: Nein, das habe ich noch nie gekonnt, das kann ich ausschließen. Ich habe das in der deutschen U15-Nationalelf gemacht und nach einem halben Jahr zu Bernd Stöber gesagt: Ich kann das nicht. Ich habe einfach meine eigenen Ideen, meine eigenen Vorstellungen. 

ONETZ: Sie haben lange in Regensburg gelebt, was sagen Sie zur Entwicklung des SSV Jahn?

Michael Köllner: Wir haben unseren Hauptwohnsitz immer noch in Regensburg. Es wird spannend sein, wie der Jahn den Umbruch schafft. Es freut mich, dass sie jetzt noch Federico Palacios geholt haben, einen richtig guten Spieler. Der SSV Jahn hat zwei beeindruckende Zweitligajahre hinter sich. Es gab keine schwere Verletzung, keine Rote Karte. Sie handeln wirtschaftlich vernünftig. Der Jahn ist mittlerweile eine stabile, eine feste Größe. Die spannende Frage ist: Wie meistern sie eine Krise, wenn es dazu kommt?

ONETZ: Im Dezember werden Sie 50 Jahre alt. Ist das nur eine Zahl für Sie, oder halten Sie da auch mal inne?

Michael Köllner: Innehalten konnte ich jetzt schon. Es ist schon ein Geschenk, eine Zeit lang raus zu sein. Bei mir war’s zwar gewaltsam, ich wollte ja als Club-Trainer nicht aufhören. Man überlegt schon: Wie sollen die nächsten 20, 30 Jahre ausschauen? Ich rede mir ein, das sei ein Tag wie jeder andere. Natürlich merkt man, dass man älter wird. Das geht wohl jedem von uns so. Ich fühle mich aber schon noch topfit. Das Schöne am Alter ist, dass man ein Stück Lebenserfahrung hat, man stolpert nicht mehr in jede blöde Situation rein.

ONETZ: Gibt es ein rauschendes Fest?

Michael Köllner: Meine Frau wird sich da was einfallen lassen, aber ich bin kein Partylöwe mehr. Diejenigen, die mich von früher her kennen, werden das nicht glauben können. (lacht) Vielleicht sind wir auch wieder weit weg von Deutschland in der Sonne – so wie wir das in den Vorjahren immer gemacht haben. Ich lasse mich da überraschen.

Quelle: onetz.de
13. September 2019
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