Glücklich im Wartestand

Im Februar wurde Michael Köllner (49) als Trainer beim 1. FC Nürnberg entlassen. Heute empfindet er das als Glücksfall. Die Heimatzeitung hat sich mit dem ehemaligen DFB-Stützpunktleiter für Ostbayern getroffen, um mit ihm über seine Zukunft zu sprechen – und über seine besondere Beziehung zu Club-Verteidiger
Lukas Mühl.

Herr Köllner, Sie bauen sich gerade ein Team aus Co-, Torwart- und Athletiktrainer um sich herum auf. In Zukunft sind sie also nur noch im Paket vermittelbar?

Michael Köllner: Das nicht. Aber ich muss ja, wenn es so weit ist, auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Der Verein, der keine Co- oder Torwarttrainer hat, wird nicht sagen: Sie haben jetzt nochmal vier Wochen Zeit zu suchen. Einen Co-Trainer hast du ja eh immer fest in deinem Team. Athletiktrainer und Spielanalysten sind sehr wichtig geworden. Wenn du alles schon beieinander hast, kannst du je nach dem Bedürfnis des Vereins auf dein Personal zurückgreifen. Am Ende sprechen wir hier von einer Topvorbereitung auf die nächste Herausforderung.

Und das Team steht schon?
Köllner: In großen Teilen. Ich war in den vergangenen Wochen fleißig, habe mit vielen Trainern Gespräche geführt. Vor ein paar Wochen war ein Wechsel nach Großbritannien Thema, da brauchst du einen Co-Trainer, der des Englischen mächtig ist. Da musst du für alle Szenarien gerüstet sein.

Das heißt, Sie sind bereit, wieder einen Verein zu übernehmen.
Köllner: Die Pause war gut, ich verspüre keinen Druck - aber wenn es soweit ist: Ich bin bereit.

Welches Angebot müsste denn kommen, damit Sie sich damit beschäftigen?
Köllner: Da gibt es kein festes Raster. Ich bin für Vieles offen. Ich bin jetzt seit knapp 30 Jahren Trainer, obwohl ich erst 49 bin. Insofern habe ich schon viel erlebt, war bereits in fast allen Ligen Trainer. Die C-Klasse fehlt mir noch. Die ist aber eher keine Option (lacht). Ich war beim DFB in der Talentförderung Koordinator, habe in Nürnberg das Nachwuchsleistungszentrum verantwortet. Solche Tätigkeiten schließe ich auch nicht aus, auch wenn es natürlich sehr erfüllend ist, auf dem Platz zu stehen. Die neue Aufgabe muss interessant sein und ich muss das Gefühl haben, dass ich mich als Person bestmöglich einbringen kann mit den Qualitäten, die ich habe.

Das Ausland ist auch eine Option?
Köllner: Sicherlich. Die beiden Kinder sind groß, 24 und 20. Daher bin ich da relativ unabhängig. Wenn die Aufgabe passt und eine gute Lebensqualität dazukommt, dann ist das Ausland eine Lebenserfahrung, die mich bereichern würde. 

Was wäre da reizvoll – außer England?
Köllner: Österreich und die Schweiz sind interessante Länder, aber ich denke, dass ich überall Spieler weiterentwickeln kann. Man darf sich da nicht einschränken, dafür gibt es zu viele spannende Möglichkeiten im Fußball.  

Wie viele konkrete Angebote gab es denn schon?
Köllner: Es kommt eigentlich nahezu jeden Tag etwas rein. Viele Anfragen sind jedoch nur lose. Nur wenige Konstellationen werden dann wirklich konkret. Ich bin durchaus wählerisch. Es geht mir nicht darum, um jeden Preis etwas anzunehmen, nur um einen Job zu haben.

Seit Mitte Februar sind Sie nicht mehr Trainer in Nürnberg. Verfolgen Sie den Club noch?
Köllner: Das war ein intensive, aber eine superschöne Zeit. Da wächst einem der Verein natürlich ans Herz. Wenn man im Epizentrum 1. FC Nürnberg steht, kann man nachvollziehen, wieso Leute seit 50, 60 Jahren oder ihr Leben lang Club-Fan sind. Es sind noch viele Spieler aus der vergangenen Saison da und mit dem Aufstieg in die Bundesliga sind wir alle gemeinsam sehr erfolgreich gewesen. Ich lebe noch in Nürnberg, weil es mir dort gefällt. Und natürlich interessiere ich mich noch dafür, was beim 1. FC Nürnberg so läuft.

Sie sind also nicht im Streit gegangen?
Köllner: Nein, warum auch? Das ist das Geschäft, wenn die Ergebnisse ausbleiben  – auch wenn das Saisonziel ein anderes war. Unser Ziel war es, den Verein zu konsolidieren. Der Aufstieg hat das extrem beschleunigt. Man muss die Leute, die am Ruder sind, aber auch verstehen, wenn sie eine andere Idee haben. Insofern: Alles gut.

Was ist in Ihrem Leben passiert seit Ihrer Beurlaubung?
Köllner: Vieles (lacht). Zum einen komme ich zur Ruhe. Ich habe gemerkt, wie intensiv die letzten drei Jahre waren. Klar, am Anfang ist es nicht sonderlich toll, entlassen zu werden. Wenn man die Zeit hinterher aber als lehrreich einstuft – und das habe ich getan –, dann hilft das. Ich hatte Zeit, mich persönlich weiterzuentwickeln. Vorher lag mein Fokus eher auf der Entwicklung meiner Spieler. Es ist eine super Zeit. Wo kann man denn mit 49 Jahren einmal aussteigen und fünf oder zehn Schritte zur Seite gehen? So konnte ich analysieren: Wo stehe ich? Nicht nur im Job, sondern auch im Leben. Was will ich verändern? Und welches Angebot möchte ich annehmen, um mich als Mensch und auch im Job weiter zu entwickeln? Die Tage sind gerade relativ kurz, das Pensum ist hoch. Aber natürlich habe ich jetzt auch mal wieder Zeit, mich um mich selbst zu kümmern, Sport zu machen. Ich habe die Ruhe zu sagen: Wenn kein passendes Angebot kommt, dann bleibe ich halt zu Hause. Ich springe nicht auf den erstbesten Zug auf, der kommt.

Wie kann man sich die persönliche Entwicklung denn vorstellen?
Köllner: Ich habe mir vieles angesehen. Gerade war ich im Westen, habe mir in drei Tagen vier Spiele und ein Training angeschaut. Ich bin viel unterwegs und führe zahlreiche Gespräche. Die U21-Europameisterschaft in Italien habe ich besucht, war bei Mönchengladbach im Trainingslager am Tegernsee. Aber Fußballtrainer zu sein bedeutet ja mehr als das. Ich habe einen Führungskräftecoach hinzugezogen, um an mir zu arbeiten und mich weiterzuentwickeln, um für meine nächste Aufgabe perfekt gerüstet zu sein.

Gibt es noch Kontakt zu Leuten beim 1. FC Nürnberg?
Köllner: Ja, natürlich. In so einer intensiven gemeinsamen Zeit knüpft man Kontakte, die die rein berufliche Station überdauern. Diese pflege ich gerne. Einen der Spieler kannte ich übrigens auch schon vorher. Lukas Mühl habe ich als Zwölfjährigen im Stützpunkt aufgenommen. Er war mein Regionalauswahlspieler und dann hier beim Club mein Spieler. Ich habe ihn damals beim Spiel FC Dingolfing gegen TSV Regen in der D-Jugend-Bezirksoberliga gesichtet. Lukas war damals der Größte, hatte  aber die kürzeste Hose an (lacht). Es war natürlich super, dass sich Lukas dann in Nürnberg so gut entwickelt hat und ich ihn in diesem Lebensabschnitt nochmal begleiten konnte. Er war beim Aufstieg als junger Bursche schon ein wichtiger Faktor. Dass er dann alle Saison-Spiele in der 1. Liga gemacht hat, freut mich extrem für ihn. Das ist für mich das Schönste, wenn man solche Geschichten begleiten darf und ein Teil davon ist.

Unter dem neuen Trainer Damir Canadi ist er ja kein unumstrittener Stammspieler mehr. Ist das Verhältnis so eng, dass Sie auch über seine Zukunftsplanung sprechen?
Köllner: Wir sehen uns schon hin und wieder. Aber ich glaube, Lukas hat viele Leute in seinem Umfeld, die ihm da Ratschläge geben. Klar, haben wir auch mal über seine Situation gesprochen. Für ihn persönlich ist es ist natürlich bitter, wenn er eine komplette Bundesliga-Situation hinter sich hat, und sich in der 2. Liga dann wieder hinten anstellen muss. Zudem hat er sich einen gewissen Marktwert erarbeitet, was einen Wechsel nicht einfacher macht. Doch es wird für ihn richtig laufen, egal wie es kommt.

Als Sie Lukas Mühl entdeckt haben, waren Sie DFB-Stützpunktleiter Ostbayern. Können Sie sich vorstellen, auch einen solchen Posten im Hintergrund zu übernehmen?
Köllner: Sportdirektor oder technischer Direktor in einem Verein oder größeren Verband könnte ich mir schon vorstellen. Die Talentförderung selbst ist ja ein Teil davon. Es ist eigentlich erstaunlich – ich habe den Posten erst vor fünf Jahren aufgegeben. Gefühlt ist das aber schon ewig her. Ich habe eine Menge erlebt in der Zwischenzeit. In einem Traditionsverein wie Nürnberg fühlt sich eine Woche fast wie ein Jahr an. Ich habe damals beim DFB viel gelernt, habe viel ausprobieren dürfen, bin aber mittlerweile schon weit weg von der damaligen Aufgabe.

Ganz mit dem Fußball abschließen ist aber keine Option. 
Köllner: Es ist für mich ein Lebenstraum, etwas im Fußball zu machen, das habe ich mir als Kind schon vorgestellt. Aber es war nicht in meinem Lebensplan, Bundesliga-Trainer zu werden. Das hat sich einfach ergeben. Der Fußball macht mir immer noch sehr viel Spaß, aber wie lange ich das mache, das weiß ich selber noch nicht. Man merkt, wie kräftezehrend das ist. Ich habe vor, noch lange und gut zu leben.

Quelle: Passauer Neue Presse
6. September 2019
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