„Ich muss einen Verein spüren“

Am 12. Februar 2019 wurde Michael Köllner (50) beim damaligen Bundesligisten 1. FC Nürnberg entlassen. Jetzt arbeitet er zwei Klassen tiefer.

Seit 11. November 2019 ist Michael Köllner Cheftrainer des TSV München 1860. Er ist mit seinem neuen Klub noch ungeschlagen (drei Siege, fünf Unentschieden) und hat die Löwen an die Aufstiegsränge herangeführt.

Herr Köllner, ist Ihnen bewusst, dass Sie allen derzeit in den höchsten deutschen Ligen tätigen Trainern etwas voraushaben?
Nein, da bin ich jetzt aber gespannt.

Keiner Ihrer Kollegen hat in vergangenen vier Jahren wie Sie in den vier höchsten Spielklassen gecoacht. Wie groß sind die Unterschiede zwischen den Ligen?
Es gibt zwei ganz große Sprünge und einen kleinen. Der Unterschied von der 2. zur 3. Liga ist nicht allzu groß, deren Abstand nach oben zur Bundesliga indes ebenso klar wie der von der Regionalliga zur 3.Liga. Von Einzelfällen natürlich abgesehen.

Was bedeutet dies?
Dass es in der Regionalliga ab und an Topklubs gibt, die nach einem Aufstieg in der 3. Liga gleich oben mitmischen oder gar durchmarschieren. Siehe Jahn Regensburg. Und in die 2. Liga verirren sich auch immer mal Hochkaräter wie Köln in der vergangenen Saison, die dort eigentlich nicht hingehören. Es spricht andererseits für die Qualität der 2. Liga, dass auch für diese Ausnahmen der Aufstieg nicht zum Selbstläufer wird. Siehe der HSV, der nun seine zweite Runde in der 2. Liga drehen muss.

Ein Merkmal teilen sich die ersten drei Ligen, wenn auch in einem unterschiedlichen Grad: Es geht in ihnen sehr ausgeglichen zu. Eine Momentaufnahme, oder wird dies zum Dauerzustand?
Letzteres, weil sich einige Parameter innerhalb der Ligen sehr angeglichen haben. Das beginnt mit der Athletik und setzt sich bei dem Wissen um den Gegner fort. Früher bist du mit Block und Stift zur Gegnerbeobachtung losgezogen, heute bekommst du dank der neuen Techniken alles – und damit meine Teamtaktiken und Einzelspielerprofile – haarklein serviert und aufbereitet. Dass ein Gegner dich vollkommen überrascht, kommt heute nur noch sehr selten vor. Was die Reaktion, also das Spiel gegen den Ball, anbelangt, sind heute alle top-vorbereitet. Und so entscheiden eben häufig ein, zwei Aktionen ein ganzes Spiel, wie oftmals Standards.

Sie erwähnten bereits, dass der Unterschied zwischen der 2. und 3. Liga nicht allzu groß sei. Dennoch wird die 3. Liga oft als die kompliziertere Klasse beschrieben. Stimmen Sie dem zu?
Das wird auf den Umstand bezogen sein, dass es sich um eine 20-er Liga handelt, in der nur zwei direkt aufsteigen, aber gleichzeitig vier direkt runter müssen. Das ist eine brutale Quote.

Welche weiteren Unterschiede gibt es?
Die 3. Liga ist ursprünglicher, es gibt in der Regel keine Hochglanz-VIP-Räume, die Stadien sind ein wenig old-fashioned, bieten aber eine prickelnde Atmosphäre – der Fußball erinnert mich im Gesamtpaket daran, wie ich ihn als Bub erlebt habe. Dazu gehört übrigens auch, dass es keinen Video-Beweis und keinen Vierten Offiziellen gibt.

Vermissen Sie Letzteres?
Nicht unbedingt (lacht). Ich bin kurioserweise ohne den Vierten Offiziellen während der 90 Minuten viel gelassener.

Ihr Werdegang ist auch ein Stück weit kurios. Sie sind zwar schon über drei Jahrzehnte als Trainer tätig, stiegen aber erst 2016 beim FCN mit der U 21 in den Seniorenbereich ein. Wie viel vom Jugendtrainer steckt heute noch in Ihnen?
Ich hoffe alles, seine Wurzeln sollte man nie verleugnen und vergessen. Mein heutiges Wissen und meine heutige Arbeitsweise habe ich mir in diesem Bereich Stück für Stück erarbeitet – und ich sehe auch keine allzu großen Unterschiede, was die reine Trainingsarbeit anbelangt. Es geht hier wie dort um Fußball.

Aber mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Im Männer-Profibereich liegt der Fokus doch ganz klar auf dem Ergebnis, das Thema Weiterentwicklung spielt erst mal eine untergeordnete Rolle. Beeinflusst das nicht Ihre Trainingsarbeit?
Ich sehe das anders. Die Weiterentwicklung der Spieler endet nicht in einem bestimmten Alter, sie ist in jedem Alter immens wichtig. Es geht im Jugend- wie im Profibereich darum, dass du als Trainer akribisch und inhaltlich gut arbeitest, mit deinem Fleiß und deiner Leidenschaft deiner Mannschaft ein Vorbild bist und sie damit ansteckst. Gelingt dir das, wirst du auch Erfolg haben.

Beim FCN hatten Sie den in der Bundesliga nicht mehr, was wiederum vor rund einem Jahr Ihre Entlassung zur Folge hatte.
Auch wenn das komisch klingt, Erfolg ist relativ, ihn muss man stets im Zusammenhang mit den Gegebenheiten und der Zielvorgabe sehen. Der Club hatte sich klar Konsolidierung auf seine Fahnen geschrieben – was ja auch gelang, und zwar rein über den Sport. Da wir den geringsten Etat der Liga hatten, war uns auch bewusst, dass wir nur dann eine Chance haben würden, wenn zwei, drei andere Vereine ihre Dinge nicht so gut regeln würden.

Was nicht passierte.
Bei meiner Entlassung lagen wir auf Schlagdistanz zum Relegationsplatz und zum ersten Nichtabstiegsplatz. Es wäre noch vieles möglich gewesen – wenn auch begünstigt durch die Schwäche der anderen. Aber es ging ja nicht um einen Schönheitspreis, sondern darum, am Ende irgendwie mindestens zwei Teams hinter uns zu lassen.

Hätten Sie damals nicht des Öfteren darauf hinweisen müssen, dass es mit dem Kader ganz schwer werden würde?
Wie bereits gesagt: Es wäre noch vieles möglich gewesen und ich denke, dass wir auch in dieser Konstellation unser Ziel hätten erreichen können.

Trifft Sie das Aus beim FCN heute noch?
Nein, ich habe es verarbeitet und abgehakt. Ich schaue nach vorne und identifiziere mich voll und ganz mit meiner Aufgabe bei 1860 München.

Über den FCN sagten Sie einst, dass er ein ganz besonderer Verein sei. Von 1860 heißt es „einmal Löwe, immer Löwe“ – können Sie dies nach knapp drei Monaten in München bereits bestätigen?
Ungeachtet dessen, dass der Club für mich etwas ganz Besonderes bleibt, hat auch 1860 längst einen Platz in meinem Herzen eingenommen.

Sie haben sich vom Adventssingen über Vorträge bis hin zu Fanklub-Treffen von Anfang an voll in das Vereinsleben gestürzt. Was haben Sie dabei über 1860 erfahren?
Zunächst sehe ich das als Teil meines Jobs an. Wobei ich zugleich betonen möchte, dass ich das sehr gerne mache und dies auch für meine Arbeit brauche. Ich muss einen Verein begreifen, ich muss ihn spüren. Ich bin der festen Meinung, dass man seinen Job als Trainer nur so gut wie möglich machen kann, wenn man von seinem Verein und seiner Aufgabe emotionalisiert ist.

Und was spüren Sie?
Dass er eine ungeheure Wucht hat. Dies merke ich bei jedem Gespräch, bei jedem Treffen. München und ganz Oberbayern sind blau. Und der große Zusammenhalt der Löwen-Familie erzeugt immer wieder eine Gänsehaut. Sei es vor einem Spiel in der Aufwärmphase, sei es in der legendären 60. Minute, wenn im Grünwalderstadion alle aufstehen und ihren Schal zeigen, oder wenn wir die Auswärtsfahrer-Tabelle mit im  Schnitt mehr als 2000 Fans anführen – egal, wann und wo wir spielen. Man denke nur an die gefühlten Heimspiele in Unterhaching und Ingolstadt.

Sie sprechen vom großen Zusammenhalt. Aufgrund des Streits zwischen Sponsor Hasan Ismaik und der Vereinsführung wird 1860 als gespaltener Klub wahrgenommen.
Wenn man sich die unterschiedlichen Aussagen anhört, wirkt das nach außen oft so. Im Innenleben stellt sich dies aber ganz anders dar. Ich kann Ihnen versichern, dass vom Platzwart über die Geschäftsstelle bis hin zu den Spielern alle an einem Strang ziehen. Wäre dem nicht so, würde sich die Mannschaft nicht so positiv präsentieren. Wie es im Kern eines Vereins zugeht, spiegelt sich immer auf dem Platz wieder. Ich persönlich habe übrigens zu allen Seiten im Verein ein gutes Verhältnis.

Wie schwierig war es für Sie, die Mannschaft für sich zu gewinnen? Ihr Vorgänger Daniel Bierofka war schließlich sehr beliebt.
Dass ich in die Fußstapfen einer 1860-Ikone trete, war mir bewusst, als ich zusagte. Und ich wusste auch, dass deswegen meine erste Ansprache, meine erste Einheit besonders wichtig sein würden. Beides muss mir anscheinend ganz gut gelungen sein, ich fühlte mich schon im ersten Augenblick angekommen und akzeptiert. Sehr geholfen hat mir dabei, dass ich die Mannschaft nach zwei Siegen zu Beginn der Länderspielpause übernommen habe. Sehr wichtig war zudem auch, dass wir im Trainerteam sofort einen sehr guten Draht zueinander aufgebaut haben.

Sie haben das Löwen-Spiel mit zwei Spitzen gleich offensiver ausgerichtet, was in der Mannschaft sehr gut ankam und ankommt. Wie riskant war das damals?
Gar nicht, sonst hätte ich es nicht gemacht. Mehr Offensive muss ja nicht gleichbedeutend mit weniger Defensive sein. Ganz entscheidend ist die Frage, wie verhalte ich mich nach Ballverlust und wie kann ich den Ball möglichst schnell wiedergewinnen? Daran hat die Mannschaft sehr hart gearbeitet. Was Laufwege und Raumaufteilung anbelangt, macht sie das mittlerweile sehr clever. Spieler und Mannschaft entwickeln sich tagtäglich im Training. Generell ist es so, dass ich immer ein Fan meiner Mannschaft bin. Das heißt: Ich will, dass sie attraktiv spielt – wenn es der Kader und die Entwicklung des Kaders hergeben, was bei 1860 der Fall ist.

Präsident Robert Reisinger hat unlängst davon gesprochen, dass er die Löwen in vier, fünf Jahren an die Tür zur Bundesliga klopfen sieht – mit Ihnen als Trainer. Wie realistisch ist das?
Zunächst ehrt mich das, weil es eine Anerkennung meiner Arbeit ist. Momentan ist es jedoch nur eine schöne Vision. Es schaut nun alles danach aus, dass wir wie geplant eine stabile Saison spielen. Im Sommer wollen wir dann darauf aufbauend ein paar Dinge machen, die uns ein Stück weit verbessern. Schritt für Schritt ist mittelfristig die 2.Liga unser Ziel.

Zum Schluss eine gemeine Frage: Wann treffen Sie mit Ihrer neuen Liebe in einem Punktspiel auf Ihre alte Liebe, den Club?
Was uns betrifft, habe ich ja bereits alles gesagt. Und dem Club drücke ich die Daumen, dass er die Liga hält.

Quelle: kicker Sportmagazin Nr. 14,
10. Februar 2020, 7. Woche

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