Ich versuche, ein verständnisvoller Diktator zu sein

Trainer Michael Köllner spricht im FAZ-Interview über das neue Nürnberger Fußballgefühl und das Leben zwischen Bundeswehr, Kloster und Zahnarzthelferinne.

Ich versuche, ein verständnisvoller Diktator zu sein

Mit 47 Jahren trainieren Sie in Nürnberg zum ersten Mal eine Profimannschaft. In der vergangenen Spielzeit, als Sie als Sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums Alois Schwartz ablösten, ging es für Sie nicht nur darum, ob der „Club“ mit Ihnen die Zusammenarbeit über das Saisonende hinaus fortsetzen wird. Sie betonten, dass auch Sie dazu bereit sein müssten. Sagt das viel über Ihre Persönlichkeit aus?
Ich versuche schon, eine große Unabhängigkeit in meinem Leben herzustellen und nicht am Ende fremdbestimmt zu sein. Ich habe sicherlich meinen eigenen Kopf. Die Entscheidung für etwas muss mir Freude bereiten. In Nürnberg erfüllt mich die Aufgabe. Für mich ist es eine innere Befriedigung, wenn sich die Mannschaft weiterentwickelt und sie dann zu „meiner“ Mannschaft wird.

Sie waren acht Jahre bei der Bundeswehr und sind gelernter Zahnarzthelfer. 2004 haben Sie Ihre Fußballlehrerlizenz erworben. Sie haben verschiedene Nachwuchsteams trainiert und waren von 2002 bis 2014 DFB-Koordinator für die Talentförderung in Bayern. Außerdem sind Sie Autor diverser Fußballbücher. Ist Ihr abwechslungsreiches Berufsleben Teil Ihrer gewonnenen Unabhängigkeit?
Ich habe mir meine Unabhängigkeit mit der Zeit erarbeitet. Wie viele Menschen habe auch ich mir früher die Frage gestellt, mache ich beruflich das Richtige und kann ich ohne Existenzangst davon leben? Ich hatte dann das Glück, im Fußball mein Zuhause zu finden. Mein Vater wollte, dass ich auf dem Gesundheitsamt arbeite und einen sicheren Job habe. Als Lokführer war er Beamter.

Damit Ihre Ausbildung als Zahnarzthelfer nach der Bundeswehrzeit im zivilen Leben Anerkennung findet, waren Sie als „Gastschüler“ ein Jahr auf der Berufsschule – als einziger Mann zusammen mit 300 jungen Frauen.
Auf meiner Prüfungsurkunde sind beim Wort Helferin das I und das N mit einem Filzstift übermalt worden. Damals, glaube ich, war ich in Bayern der einzige Zahnarzthelfer.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem Soldatenleben und der Arbeit eines Fußballtrainers?
Bei der Bundeswehr habe ich gelernt, dass eine gewisse Ordnung sein muss. In gewisser Weise kannte ich das vorher schon aus meinen acht Jahren in einem katholischen Internat, das ich mit 400 Mitschülern teilte und von Augustinerpriestern geleitet wurde. Für einen Trainer ist die tägliche Akribie die größte Herausforderung – sich nach Siegen oder Niederlagen ungeachtet der entsprechenden Emotionen sofort wieder auf die Basisarbeit zu konzentrieren.

Ihr Anspruch ist es, zu jedem Spieler eine persönliche Ebene herzustellen. Gelingt Ihnen das immer?
Ich versuche die Dinge wie in einer Familie zu sehen. Da kommen Meinungsverschiedenheiten auch mal vor. Aber die gegenseitige Wertschätzung und der Respekt sind als Basis für ein gutes Miteinander unverzichtbar.

Sie halten es für sehr wichtig, dass die Spieler Ihren Horizont erweitern. Im Trainingslager haben Sie mit Ihrem Team ein Kloster besichtigt. Und auf dem Platz haben Sie Ihren Spielern etwas zum Thema Visionen vorgelesen.
Der Fußball ist fremdbestimmt. Ein Spieler wird zum Beispiel nie selbst die Entscheidung treffen, wann Training ist. Bestimmte Dinge verkümmern in einem. Das will ich ein bisschen durchbrechen und mindestens ein- bis zweimal in der Woche einen bestimmten Reiz setzen. Vor dem Punktspiel in Regensburg haben wir darüber gesprochen, wie man es als Mensch schafft, angesammelten Ballast loszuwerden. Die Spieler nehmen das gerne an, wenn sie es als werthaltig ansehen. Das halte ich für wichtig, denn nach der aktiven Karriere ist für sie die Fremdbestimmung vorbei.

Warum gibt es bei Ihnen keinen Strafenkatalog?
Mit einem Strafenkatalog unterstelle ich meinen Spielern ja von vornherein, dass sie etwas verkehrt machen. Ich kenne keine Familie, die einen Strafenkatalog hat. Auch in meinem Internatsleben gab es so einen nicht, trotz 400 Schülern. Wenn einer bei uns nicht die Regeln beachtet, bestrafe ich ihn mit der Nichtberücksichtigung für ein Spiel. Das ist für mich die größte Strafe für einen Spieler. Ich gehe immer vom Guten aus und appelliere an die menschliche Vernunft. Die Mannschaft hat aber für sich selbst einen Strafenkatalog entwickelt.

Der 1. FC Nürnberg ist nach zwei Spieltagen ungeschlagener Tabellenführer, am Sonntag kommt es zu Hause zum Spitzenspiel gegen Union Berlin. Wie schwer ist es, sich im schnelllebigen Fußballgeschäft als Trainer zu behaupten?
Ich versuche mich von Dingen zu lösen, die von außen gesteuert werden. Die größte Befriedigung ist für mich, wenn ich merke, dass sich hier alle freuen, sich täglich zu sehen und miteinander zu arbeiten. Durch Zusammenhalt können wir eine große Kraft entwickeln. Bei uns soll etwas wachsen. Ich glaube, wer sehr viel in sich und seine Arbeit investiert, hat es am Ende auch verdient, erfolgreich zu sein.

Sie stammen aus der Oberpfalz aus dem kleinen Ort Fuchsmühl. Hin und wieder gehen Sie zum Stammtisch der alten Meisterspieler des „Clubs“. Wie wichtig ist für Sie, die alten Zeiten in Ihr aktuelles Tun einfließen zu lassen?
Es kann sein, dass sich ein Verein mit der Zeit neu definieren muss. Aber der 1. FC Nürnberg mit seiner großen Tradition und Riesenkultur muss sich nicht neu definieren. Der Verein hat riesige Erfolge gefeiert. In dieser Woche habe ich in einem Geschichtsbuch vom „Club“ über die Jahre 1974 bis 1978 gelesen. Und ich bin immer froh, ab und an einen Stammtisch zu besuchen. Der Austausch mit früheren „Club“-Größen schärft die Sinne. Ganz wichtig sind in Nürnberg Identität und Identifikation. Wenn die Dinge so von meiner Seite gelebt werden, überträgt sich das auch auf das Team. Die Fans wollen ihren Verein sehen, den 1. FC Nürnberg mit seiner ganzen Tradition – und nicht das Produkt eines Trainers, das er sich überlegt hat. Die Menschen möchten eine Mannschaft zum Anfassen haben.

Wann kehrt der FCN in die Bundesliga zurück?
Unser Ziel ist es, mittelfristig wieder in die Bundesliga aufzusteigen. Wir haben jetzt eine interessante und spannende Mannschaft zusammengestellt. Für deren Aufbau brauchen wir aber Zeit. Wir stecken mitten im Umbruch.

Warum gibt es bei Ihnen keine Stammplätze?
Wenn ich 17 starke Spieler habe, müssen alle die Chance haben, am Wochenende auch zu spielen. Und wenn sich einer wochenlang angestrengt hat, hat er es auch verdient, ins Spiel zu kommen.

Sie können auch resolut und relativ kompromisslos sein, heißt es. Trifft das zu?
Mir geht es immer nur um die Sache und den Verein. Wir wollen alle einen Schritt vorankommen. Natürlich bist du als Trainer eine Art Diktator. Aber ich versuche schon, ein gerechter und verständnisvoller Diktator zu sein. Am Ende bin ich es, der die Verantwortung trägt und den Weg vorgeben muss.

Würden Sie von sich aus aufhören, wenn Ihnen Ihre Aufgabe keinen Spaß mehr machen würde?
Ja, natürlich. Wenn ich dieses Gefühl habe und ich merke, dass ich den Leuten eine Last bin, würde ich Konsequenzen ziehen. Lebensqualität hat damit zu tun, dass einem die Dinge, die man macht, Freude und Zufriedenheit bereiten. Ich will nicht Dinge tun, die meine Lebenserwartung verkürzen.

Quelle: faz.net vom 22.08.2017
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