1860-Trainer Köllner: "Keine One-Man-Show"

Der Titel bleibt in München. Ein Jahr nach Sebastian Hoeneß (zuvor FC Bayern U 23, jetzt TSG Hoffenheim) wurde Michael Köllner vom TSV 1860 nach einer Vorauswahl durch die Trainer und Kapitäne der 3. Liga im folgenden Fan-Voting zum Trainer der Saison 2020/2021 gewählt. Im DFB.de-Interview spricht der 51-Jährige mit Mitarbeiter Dominik Dittmar über die Auszeichnung und die Saison der "Löwen".

DFB.de: Herzlichen Glückwunsch zur Wahl zum Trainer der Saison, Herr Köllner! Was bedeutet Ihnen dieser Titel?

Michael Köllner: Es ist eine große Ehre und zugleich eine schöne Auszeichnung für die Arbeit, die das gesamte Trainerteam und die Mannschaft gemeinsam in dieser Spielzeit geleistet haben. Es ist schön zu sehen, dass unsere Fans ihre große Unterstützung auch während der Corona-Pandemie mit vielen verschiedenen Aktionen zeigen. Die Abstimmung gehört dazu. Das setzt sich auch nahtlos beim Dauerkartenverkauf für die nächste Spielzeit fort, bei dem wir schon jetzt einen neuen Rekord aufgestellt haben.

DFB.de: Gewinnt die Auszeichnung zusätzlich an Gewicht, weil Ihre Trainerkollegen und die Mannschaftskapitäne eine Vorauswahl getroffen hatten?

Köllner: Es ist ein tolles Kompliment, es gemeinsam mit Guerino Capretti vom SC Verl in die Endauswahl geschafft zu haben. Die Trainer der anderen Vereine und deren Führungsspieler können das Innenleben der 3. Liga bestens bewerten. Und dabei haben wir als TSV 1860 München offensichtlich kein schlechtes Gesamtbild abgegeben. Unser Kapitän Sascha Mölders hat ja auch die Auszeichnung als Spieler der Saison gewonnen.

DFB.de: Haben Sie sich schon einen Platz für die Trophäe überlegt?

Köllner: Als Trainer kommt man nicht ganz so häufig zu persönlichen Auszeichnungen. Zu Hause habe ich noch einige Medaillen für die errungenen Süddeutschen Meisterschaften im Auswahlbereich. Im Vorfeld hatte ich mir über den Platz keine großen Gedanken gemacht. Zumal ich ja erst jetzt nach der Übergabe weiß, wie groß die Trophäe genau ist. Vermutlich werde ich sie bei uns ins Trainerbüro stellen. Schließlich hat jeder im Verein seinen Anteil daran. Bei uns ist es keine One-Man-Show.

DFB.de: Für welchen Trainer und welchen Spieler hatten Sie bei der Wahl gestimmt und warum?

Köllner: Bei den Spielern hatte ich mich, da Stimmen für das eigene Team nicht zugelassen waren, für Torhüter Markus Kolke entschieden. Er ist für mich das Gesicht der erfolgreichen Saison von Hansa Rostock. Seiner Mannschaft hat er mit zahlreichen guten Paraden viele Punkte gesichert und damit entscheidend zum Aufstieg in die 2. Bundesliga beigetragen. Auch in den Spielen gegen uns hatte er großen Anteil daran, dass die Duelle jeweils mit Unentschieden endeten. Trainer der Saison ist für mich Pavel Dotchev. Schon beim FC Viktoria Köln hat er in meinen Augen gute Arbeit geleistet. Anfang Februar hat er dann das Team des MSV Duisburg in einer sehr schwierigen Situation übernommen, die Mannschaft aber dennoch schnell aus der Abstiegszone geführt. Meine Stimme hat er außerdem als Hommage dafür bekommen, dass er Rekordtrainer der 3. Liga ist.

DFB.de: Was glauben Sie: Warum haben Sie die Wahl gewonnen?

Köllner: Schwierige Frage. Vermutlich, weil wir als Verein TSV 1860 München nach außen ein gutes Bild abgegeben haben. Wir haben eine Riesensaison gespielt, sind sowohl offensiv als auch defensiv eines der besten Teams in dieser Spielzeit. Die Art und Weise, wie wir Fußball spielen, steht für eine eigene Identität. Ich denke, das gab den Ausschlag.

DFB.de: In welchen Bereichen hat Ihre Mannschaft die größten Fortschritte gemacht?

Köllner: Das sind mehrere Mosaiksteine, die sich zusammengefügt haben. Wir stehen für eine Spielweise, die die Zuschauer mitreißt. Einerseits kampfstark und körperbetont. Unsere Fans sollen das Gefühl haben, dass die Spieler ihre Idole sind und sie zurecht das "Löwen"-Trikot tragen. Auf der anderen Seite sind wir in der Lage, ständig zu attackieren und technisch guten Fußball zu zeigen.

DFB.de: Durch das 1:3 am 38. Spieltag beim FC Ingolstadt 04 verpasste der TSV 1860 die mögliche Teilnahme an der Relegation zur 2. Bundesliga. War Platz vier nach der erfolgreichen Aufholjagd der vergangenen Wochen jetzt doch eine Enttäuschung?

Köllner: Im ersten Moment selbstverständlich. Ich bin aber der Überzeugung, dass wir mit einigen Tagen Abstand auch mit Freude auf unsere Saison zurückschauen werden. In einer Phase der Konsolidierung haben wir eine sehr erfolgreiche Spielzeit abgeliefert und um den Verein herum eine riesige Euphorie entfacht. Die wird auch nach dem vierten Platz noch anhalten. Wir werden jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern weiter daran arbeiten, dass wir uns steigern. Wir hoffen, dass wir in der kommenden Saison mit unseren Fans stark in die Liga kommen und dann wieder um den Aufstieg mitspielen.

DFB.de: Was macht für Sie den Reiz des Trainerjobs aus?

Köllner: Ganz klar: Die Arbeit mit Menschen. Es bereitet mir große Freude, die Spieler weiterzuentwickeln und auch als Persönlichkeiten weiterzubringen. Wir haben zum Beispiel einerseits Lorenz Knöferl, der im Alter von 17 Jahren der bislang jüngste Torschütze in der Vereinsgeschichte ist, und auf der anderen Seite Sascha Mölders, der mit 36 Jahren Torschützenkönig und Spieler der Saison geworden ist. Bei einem Traditionsverein wie dem TSV 1860 zu arbeiten, bedeutet natürlich auch Druck. Es gibt aber kaum ein schöneres Gefühl, als diesem Druck standzuhalten und ihn gemeinsam zu bewältigen. Da spielen auch Führungs- und Medienkompetenz eine große Rolle.

DFB.de: Bei der jährlichen Trainerumfrage vor der Spielzeit war Ihre Mannschaft lediglich von zwei Kollegen als möglicher Aufstiegskandidat eingestuft worden. Hat die Mannschaft auch die eigenen Erwartungen übertroffen?

Köllner: Wir hatten im zurückliegenden Sommer einen sehr großen Umbruch im Kader, insgesamt 18 Verträge wurden nicht verlängert. Im Gegenzug hatten wir zunächst nur fünf externe Zugänge verpflichtet und neun Nachwuchsspieler hochgezogen. Wir waren dennoch schon der Überzeugung, dass wir eine schlagkräftige Mannschaft zusammengestellt haben. Während der Vorbereitung hatte es sich dann auch schon angedeutet, dass unsere Entwicklung schnell in eine positive Richtung gehen kann. Dass es dann sogar bis zum 38. Spieltag für uns um den Aufstieg und die Teilnahme an der Relegation ging, war aber nicht planbar. Die Grundlage für alles ist aber meiner Meinung nach auf dem Trainingsplatz zu suchen. Hier haben wir - Trainerteam, Mannschaft und jeder einzelne Spieler- top gearbeitet - über die komplette lange Saison hinweg.

DFB.de: Wann haben Sie gemerkt, dass eine Spitzenplatzierung tatsächlich möglich ist?

Köllner: Ein erstes Indiz war unser Sieg in der Sommervorbereitung gegen den SSV Jahn Regensburg. Greifbarer wurde das, als wir rund um die Winterpause mit 17 Zählern aus sieben Partien sehr gut gepunktet haben. Auch von schwierigen Phasen haben wir uns nicht ablenken lassen und uns ständig in der Trainingsarbeit verbessert.

DFB.de: Nach dem 0:1 beim MSV Duisburg Anfang März hatten Sie Ihren Bart für jedes Spiel ohne Niederlage wachsen lassen. Er sah zuletzt schon sehr imposant aus. Wie kam es zu der Idee?

Köllner: Das ergab sich so. Meine Gemütslage war nach nur vier Punkten aus vier Spielen grimmig. Das habe ich dann auch äußerlich ein wenig zum Ausdruck gebracht, indem ich mich nicht rasiert habe. Sportlich hatten wir anschließend ein gutes Momentum. Daher gab es für mich keinen Grund, etwas zu ändern. Auch bei den Klamotten oder bei der Musik-Playlist, die ich im Mannschaftsbus höre, habe ich so meine Marotten. (schmunzelt) Der Bart war in der Tat nach elf Spielen ohne Niederlage schon sehr lang geworden. Wenn ich beim Schlafen auf der Seite lag, haben sich die Haare förmlich ins Gesicht gebohrt. Aber für den Erfolg ist man gerne bereit, Opfer zu bringen. (lacht) Nach der Niederlage in Ingolstadt und dem Saisonende kommt er jetzt aber ab.

Quelle: dfb.de
24.05.2021
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