1860-Trainer Köllner über die Corona-Dramen in seiner Stiftländer Heimat

Michael Köllner ist ein Fußballnarr. In diesen Tagen ist das runde Leder aber nicht das große Thema angesichts der Corona-Dramen, die sich in seiner Heimat, dem Kreis Tirschenreuth, abspielen.

Nürnberg oder München – Michael Köllner (50) fühlte und fühlt sich bei seinen Trainerstationen in Bayern überall wohl. Die Heimat des Trainers von 1860 München ist aber das Stiftland. Herzogöd, ein Örtchen nahe Fuchsmühl, von dem man gut ins Land schauen kann. Dort lebt seine Familie.

Dort in der nördlichen Oberpfalz spielen sich in Corona-Zeiten Dramen ab. Köllner, derzeit bei 1860 auch „Kurzarbeiter“, nimmt das richtig mit.

ONETZ: Hallo Herr Köllner, wie schwer fällt es Ihnen in diesen Tagen über Fußball zu reden?

Michael Köllner: Da bin ich hin- und hergerissen. Schwer fällt es mir eigentlich nicht, weil es mein Beruf und meine Leidenschaft ist. Aber es ist natürlich so, dass das Coronavirus derzeit das alles beherrschende Thema ist und das nimmt einen in allen unterschiedlichen Gefühlslagen auch mit.

ONETZ: Besonders Ihre Nordoberpfälzer Heimat, Teile des Stiftlands, sind von der Pandemie besonders betroffen. Was macht das mit Ihnen?

Michael Köllner: Das setzt mir schon gewaltig zu. Am 12. März war ich noch bei meiner Mutter, als sie Geburtstag hatte. Nach dem Training bin ich nach Fuchsmühl gefahren. Ich habe gemerkt, dass der Umgang zu diesem Zeitpunkt noch weniger vorsichtig war als bei uns, bei 1860 München. Dort haben wir schon frühzeitig aufs Händeschütteln oder andere Sachen verzichtet.

ONETZ: Die Ereignisse in Mitterteich haben sich überschlagen ...

Michael Köllner: Nach meiner Rückkehr nach Nürnberg, wo wir noch wohnen, habe ich diese dynamische Entwicklung genau verfolgt. Meine Mutter hat mir das Schreiben des Landratsamtes geschickt, dass auf Ausgänge verzichtet werden soll. Und es gab ja darüber hinaus noch jede Menge präventive Maßnahmen.

ONETZ: Sind auch Leute aus Ihrer Familie oder dem Bekanntenkreis betroffen?

Michael Köllner: Mit meiner Mutter telefoniere ich regelmäßig. Sie hat mir von einigen Leuten aus Fuchsmühl erzählt, die infiziert sind. Es gab ja das Gerücht, es hätten sich einige Menschen in der Kirche bei einem Weltgebetstag angesteckt. Leute, die ich kenne, liegen auf der Intensivstation. Auch Eltern von Spielern, die ich früher trainiert habe. Sogar unser ehemaliger Postbote und ehemalige Spieler meines Heimatvereins sind dabei. Das setzt einem schon zu, wenn Du siehst, da kämpfen Leute um ihr Leben.

ONETZ: Wie groß ist die Sorge um Ihre Familie?

Michael Köllner: Man muss da schon schauen, wer in der Risikogruppe ist. Meine Tante ist über 80, sie hatte gerade erst eine Knieoperation. Auch für meinen Vater ist das heftig, er ist Dialysepatient, muss mehrmals wöchentlich nach Marktredwitz. Sein Immunsystem ist natürlich nicht das beste, da mache ich mir schon Sorgen. Ich habe zu meiner Mutter gesagt: Da hilft nur noch, sich zu Hause einzusperren. Kein Kontakt nach draußen, nicht einmal zum Einkaufen. Auf dem Land sind die Kellervorräte ohnehin größer als in der Stadt. Die Gefriertruhen sind gut gefüllt mit eigenen Produkten.

ONETZ: Wie konsequent sind Sie selbst in der Krise?

Michael Köllner: Wir haben jetzt natürlich auch in Nürnberg, wo wir derzeit den Umzug nach München vorbereiten, alle persönlichen Kontakte runtergefahren. Auch zu den Schwiegereltern. Aber wir erleben hier nicht, dass Leute aus dem persönlichen Umfeld um ihr Leben kämpfen. Da ist die Situation in Mitterteich schon eine völlig andere, wo man nur hoffen kann, dass der Alptraum bald vorbei ist.

ONETZ: Ostern steht vor der Tür. Eigentlich ein Fest der Familie ...

Michael Köllner: An Ostern war ich in der Regel immer daheim. Aber es hat sich vieles verändert. Jetzt bin ich 50 und konnte mir nie vorstellen, dass es mal keine Messen mehr gibt, dass die Kirche zugesperrt wird. Selbst im Krieg gab es immer Plätze, um Gottesdienste zu feiern. Das sind vor allem auf dem Land Einschnitte im Leben. Jetzt müssen wir aber vernünftig sein, denn jeder persönliche Kontakt kann am Ende ein großes gesundheitliches Risiko bedeuten.

ONETZ: Sie sind ein kommunikativer Mensch. Wie sehr fehlen Ihnen die persönlichen Kontakte?

Michael Köllner: Wir können froh sein, dass unsere Kommunikationssysteme so weit ausgebaut sind, dass wir da digital kommunizieren können. Facetime, Skype und so weiter. Die Isolation, in die man sich ja ein Stück weit begibt, kommt einem dank dieser Hilfsmittel nicht mehr so hart vor.

ONETZ: Können Sie den Ruf einiger Leute verstehen, die schon wieder die Lockerung der Kontaktbeschränkungen wollen?

Michael Köllner: Ein Stück wweit kann ich diesen Wunsch aus Sicht der Leute nachvollziehen. Einerseits wird die wirtschaftliche Not für einige immer größer. Zum Beispiel für Inhaber eines kleinen Geschäfts, einer Eisdiele, eines Restaurants oder eines Wirtshauses. Wenn die einige Wochen geschlossen haben, geht es bereits um die Existenz. Und wenn Menschen in ihrem unmittelbaren Umfeld keine Corona-Erkrankung haben, ist die Gefahr für sie natürlich auch wenig greifbar. Mich persönlich beschäftigt dazu noch etwas ...

ONETZ: Und das wäre ...

Michael Köllner: Die Meinungen der Experten, der Virologen, gehen schon weit auseinander. Manche sagen, wir können erst 2021 an Normalität denken, die anderen sagen, was wir derzeit machen, ist völliger Quatsch. Das verunsichert natürlich auch. Man fragt sich: Was ist jetzt wahr?

ONETZ: Wann glauben Sie, kehrt wieder Normalität ein?

Michael Köllner: Von solchen Prognosen habe ich mich völlig gelöst. Ich glaube, jedes Zeitfenster, das man fixiert und das dann nicht eintrifft, ist eine große Enttäuschung. Das sage ich auch immer zu meiner Mannschaft. Wir nehmen uns jetzt nicht vor: In einer Woche trainieren wir, in zwei Wochen spielen wir. Denn wenn es nicht so kommt, sind wir umso mehr gefrustet.

ONETZ: Wie ist der Umgang mit Ihren Spielern derzeit?

Michael Köllner: Ich kommuniziere mit meinen Spielern gefühlt öfter als vorher. Ich versuche, mit jedem Spieler zwei Mal pro Woche ausführlich zu telefonieren. Das sind mit jedem etwa eineinhalb Stunden. Da erfährst Du Dinge, die man im normalen Trainingsalltag nicht erfährt. Das ist ein positiver Punkt. Wir trainieren täglich außer am Sonntag per Zoom-App eine Stunde zusammen. Außerdem schicke ich ihnen Videos, die mein jüngster Sohn aufnimmt. Da wird gezeigt, was man in der Garage, in der Wohnung, auf dem Balkon oder im Garten mit dem Ball machen kann.

ONETZ: Sommer, Herbst, Winter, nächstes Jahr. Wann wird wieder Fußball gespielt?

Michael Köllner: Die DFL gibt ja ein bisschen die Richtung vor. Ich hoffe, bald wieder mit Training beginnen und wieder spielen zu können. Ich höre ja auch immer wieder von Leuten, die sagen, wenn es nur Spiele im Fernsehen gäbe, dann würde mir der Tag nicht so schwer vorkommen. Es wäre eine Super-Abwechslung. Und es gäbe wieder andere Themen zu diskutieren.

ONETZ: Sie sind also auch für Geisterspiele in der dritten Liga?

Michael Köllner: Ja, natürlich. Wir leben ja nicht nur ausschließlich von Zuschauereinnahmen, sondern auch von Werbeeinnahmen. Wenn es ein Spiel im Fernsehen gibt, sind unsere Sponsoren und Ausrüster ja auch präsent. Man hätte trotzdem Erlöse. In der ersten und zweiten Liga bewegen sich die Fernsehgelder zwar in anderen Dimensionen, aber wenn die dritte Liga auch live im Fernsehen wäre, gäbe es vielleicht einen zusätzlichen Fernsehtopf, durch den man die Ausfälle durch den Ticketverkauf kompensieren könnte. Wobei ich auch sagen muss, dass unsere Fans sehr solidarisch sind. Sie erklären schon jetzt im Fall der Fälle, ihre Ticketausgaben nicht zurückfordern zu wollen. So schön eine Wiederholung eines Spiels von 1976 ist, es ersetzt kein Live-Spiel, bei dem man nicht weiß, wie es ausgeht.

ONETZ: Was soll mit der Drittliga-Saison passieren? Regulär beenden? Abbrechen?

Michael Köllner: Negative Szenarien habe ich nicht im Kopf. Ich hoffe, dass das sportlich ausgetragen wird, auf dem grünen Rasen. Ob man die Saison verlängert und wie lange, ist unerheblich. Da müssen auch Mediziner mitentscheiden, was möglich ist. Ich bin Sportler, und wünsche mir sportliche Entscheidungen, keine durch irgendwelche Regularien am grünen Tisch.

ONETZ: Jede Krise hat auch was Gutes. Stimmen Sie zu?

Michael Köllner: Ich verfolge schon, dass manche das Thema positiv drehen wollen: Ich sehe es beispielsweise ambivalent, wenn nun alle den Pflegekräften und Ärzten zujubeln. Über Jahre wurden ihre Gehälter so gedrückt, es wurden ihnen Arbeitszeiten und Bedingungen zugemutet, die unmöglich waren und das fällt jetzt, wo sie plötzlich gefeiert werden, völlig unter den Tisch. Natürlich gebührt allen unser Respekt und Dank, die derzeit den Staat und das Gesundheitssystem aufrechterhalten. Viele Menschen zeigen sich aktuell solidarisch, es könnten aber deutlich mehr sein.

ONETZ: Eine philosophische Frage zum Schluss: Ist diese Coronakrise für Sie eine Krise aus dem Nichts?

Michael Köllner: Ich reflektiere momentan vieles in diesem Kontext. Wir haben uns schon der Erde extrem bemächtigt, alles eingenommen, alles unterworfen. Ich denke, das fällt uns ein Stück weit auf die Füße. Wir haben uns über viele Jahrzehnte falsch verhalten. Ich sehe das schon ein bisschen als Konsequenz daraus. Interessant wird sein, ob es nach der Krise eine Änderung unseres Verhaltens gibt. Ich fürchte, dass der Mensch wieder irgendwann zum jetzigen Alltag zurückkehrt.

Köllners Zuspruch für seine Heimat:
Ich drücke den Menschen in unserer Heimat die Daumen. Auch dieses Virus wird uns nicht umwerfen. Zusammenhalt und sich gegenseitig unterstützen ist nun gefragt, aber auch Distanz zu halten.


Quelle: onetz.de
3. April 2020
Zum Artikel

Zurück