1860-Trainer Köllner: „Jedes Spiel soll ein Fest werden“

Im tz-Interview spricht Löwen-Trainer Michael Köllner über den Saisonstart in der 3. Liga, den verpassten Aufstieg und ein Druckmittel.

München – Es geht wieder los in der 3. Liga, die Löwen treffen am Samstag um 14 Uhr auf die Kickers aus Würzburg. Trainer Michael Köllner verrät in einem zweiteiligen tz-Interview im Paulaner-Bräuhaus am Kapuzinerplatz, was kommt.

Teil 1

Herr Köllner, der Start in die neue Drittligasaison steht bevor. Welcher Gegner kommt da mit den Würzburger Kickers auf die Löwen zu?

Köllner: Sicher kein einfacher. Wie die anderen Absteiger auch sind die Würzburger Kickers zum jetzigen Zeitpunkt eine große Unbekannte. Sie hatten eine hohe Kaderfluktuation, haben einen neuen Trainer mit Torsten Ziegner. Aber wir haben sie in ihrer Vorbereitung, in ihren Spielen genau beobachtet und sind gut eingestellt.
 
Ist die Liga stärker oder schwächer als letztes Jahr?
Köllner: Anders. Du hast jetzt zwei zweite Mannschaften, die beide relativ stark sein werden. Freiburg, weil sie eine hohe Durchlässigkeit haben, das gehört zu ihrem Konzept. Und Dortmund, weil sie einfach zu viele gute Spieler haben bei diesem Verein.

Und was die Favoriten betrifft?
Köllner:
In der Dimension wie Dresden, Rostock und Ingolstadt ist jetzt keiner mehr drin, die hatten ja teilweise den doppelten Etat wie wir. Wir sind auch jetzt nicht das neue Dresden, was den Etat betrifft. Trotzdem wollen wir natürlich angreifen und uns gegenüber dem Vorjahr weiterentwickeln. Wir wollen einen Fußball spielen, der ansehnlich ist, mit dem sich unsere Fans identifizieren können und der ihnen Freude macht. Im Idealfall wird sich das auch positiv auf die Tabelle auswirken.

Die Rückkehr der Fans sollte kein Nachteil sein für einen Publikumsverein wie Sechzig.
Köllner:
Ich freue mich über und für jeden, der uns vor Ort anfeuern kann. Jedes Spiel soll ein Fest werden, jetzt wo endlich wieder Fans ins Stadion kommen dürfen.

Gab es diese eine Erkenntnis, warum es letzte Saison nicht zum Aufstieg gereicht hat?
Köllner:
Also die Kadertiefe allein war’s sicher nicht. Wir haben auch einige Spiele verloren, weil wir uns einfach dumm angestellt haben. Wenn ich da nur an Duisburg denke, gleich zweimal – oder Zwickau daheim, wo wir die vielleicht beste erste Halbzeit der ganzen Saison spielen und trotzdem verlieren. Sowas sollte uns heuer nicht mehr passieren. Aber auch das ist Fußball – und gehört sicher auch ein Stück weit zum Fußball immer dazu . . .

Drei neue Spieler sind dazugekommen. Reicht Ihnen das?
Köllner:
Es ist kein Wunschkonzert hier bei Sechzig. Ich kann nicht zu den Gesellschaftern gehen und zehn neue Spieler verlangen. Genauso wenig, wie Sie beide jetzt hier im Biergarten keinen Hummer und Kaviar bestellen und dann im Verlag zur Spesenabrechnung vorlegen.

Wir könnten’s zumindest mal versuchen . . .
Köllner:
Ja, da wäre ich dann gerne dabei bei den Gesprächen (lacht).

Sie sind also zufrieden?
Köllner:
Ja, wir haben gute Lösungen gefunden – und zwar außerordentlich schnell. Nicht nur, was die Zugänge betrifft, sondern auch die Abgänge. Es gab keine störenden Themen dieses Jahr.

Da klingt eine gewisse Überraschung durch.
Köllner:
Es war schon ein Turnaround. Ich bin froh, dass wir zum Trainingsstart hin alle Themen hinsichtlich des Kaders bereits abgeschlossen hatten.

Hätten Sie sich verabschiedet, wenn die Kaderplanung wieder zur Hängepartie geworden wäre?
Köllner:
Die Option hätte es zumindest gegeben. Ich habe nicht so schlecht gearbeitet, dass sich niemand für mich interessiert hätte (lacht). Ich wollte den Verein keinesfalls erpressen, das sicher nicht. Aber ich erlaube mir auszuloten, ob was vorwärtsgeht. Es ist schön, dass das der Fall ist und wir nun gemeinsam in eine weitere Saison gehen. Darauf freue ich mich.

In Nürnberg sind Sie nach dem Bundesliga-Aufstieg geblieben, obwohl der Kader nicht verstärkt wurde.
Köllner:
Ja, da habe ich die Erfahrung gemacht, wie schnell es gehen kann. Trotzdem habe ich noch nie eine Entscheidung bereut. Man könnte jetzt darüber streiten, ob es clever war, dass ich beim Club zuvor diverse Angebote zur Vertragsverlängerung abgelehnt habe. Andererseits: Wäre ich dann jetzt hier bei Sechzig? Klar hat die Entlassung in Nürnberg wehgetan. Aber meine Lebenserfahrung sagt mir: Nicht alles, was im ersten Moment schlecht ausschaut, ist auch so. Oft ist es hinterher genau andersrum, wenn sich plötzlich neue Türen öffnen.

Nach einem Karriereplan klingt das nicht.
Köllner:
Ich habe auch keinen Karriereplan, hatte ich noch nie, sonst wäre ich nicht mehr als 12 Jahre beim DFB geblieben (lacht). Für mich geht es in erster Linie darum, mein Glück zu erleben, jeden Tag gerne zum Training zu kommen, Fortschritte zu sehen. Das ist es, was zählt. Ich bin vom Fußball finanziell nicht abhängig, das gibt mir gewisse Freiheiten.

Im Gegensatz zu einem Dennis Dressel beispielsweise.
Köllner:
Bei einem Vereinswechsel musst du dir immer genau überlegen, ob dich dieser Schritt jetzt weiterbringt, was genau der Mehrwert ist. Ich habe mich mit Dennis dazu ausgetauscht und kann versichern: Er weiß schon, was er hier hat bei Sechzig. Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass er sich nicht mehr mit dem Verein identifiziert, dann wär’s vielleicht was anderes gewesen.

Welchen Eindruck macht er jetzt?
Köllner:
Das Thema hat schon was mit ihm gemacht, aber er ist ein klarer Junge, seine Freundin, seine Eltern – alle klar. Dennis ist wichtig hier bei Sechzig und das wird er auch wieder zeigen. Ohne dass ich ihm jetzt eine Stammplatz-Garantie ausstelle, so etwas gibt’s bei mir nicht.

Quelle: tz.de
22. Juli 2021
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Teil 2
 

Sie haben die Mannschaft ein neues System mit Dreierkette einüben lassen, um flexibler zu sein und neue Reizpunkte im Training zu setzen. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Ich bin zufrieden, die Mannschaft hat gut mitgezogen, damit haben wir eine Option mehr. Ich diskutiere viel mit den Spielern und frage, auf welcher Position sich jeder am wohlsten fühlt. Die Maxime ist, dass wir jeden Spieler auf seine beste Position bringen. Aber klar, am Ende ist es immer ein Kompromiss. Die Verantwortung für die Ergebnisse muss ich als Trainer tragen, nicht die Spieler.

Bundestrainer Joachim Löw schien bei der missratenen EM eine andere Maxime zu haben.

Ach, diese Diskussion über die Dreierkette, das ist so ein deutsches Phänomen. Das Problem war eher die fehlende Einübung. Wenn der Abwehrchef (gemeint: Mats Hummels/Red.) relativ spät dazukommt und vorher nicht involviert war, dann ist das einfach ungünstig. Ich find trotzdem, dass Jogi Löw dem deutschen Fußball viel gegeben hat. Klinsmann damals, das war eine rein emotionale Geschichte. Die Nachhaltigkeit hat erst Löw geschaffen.

Die EM-Analyse von Uli Hoeneß fiel unmittelbar nach dem deutschen Aus persönlicher aus. Stichwort Toni Kroos . . .

Ich find’s schlimm, wenn Menschen nach dem Ende ihrer Laufbahn immer noch meinen, zu jedem Thema ihre Meinung äußern zu müssen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Helmut Schmidt, unser bester Bundeskanzler, hat die Dinge überblickt, der Mann hatte Klasse, dem hab ich gerne zugehört.

Sie sind jetzt auch kein wortkarger Mensch.

(lacht) Ich werde nach meiner Zeit als Fußballtrainer noch genügend andere Dinge zu tun haben, mich muss keine Zeitung mehr anrufen, gar keine. Es gibt so viel, was ich noch tun will.

Zum Beispiel?

Reisen! Nach Tibet, Burma, Bhutan – in spirituelle Länder. Das interessiert mich. Ich will dorthin, wo die Menschen wohl am zufriedensten sind, das will ich mit eigenen Augen sehen.

Wie zufrieden sind Sie in München?

Ich habe schon Wurzeln geschlagen hier – und würde auch noch gern tiefere Wurzeln schlagen. Aber die Baugrundstücke, die ich mir vorstelle, die gibt mir leider keiner. In Harlaching habe ich mir schon zwei, drei leer stehende Häuser und Grundstücke angeschaut, aber die stehen nicht zum Verkauf – zumindest nicht zu einem erschwinglichen Preis.

Erschwinglich ist das Stichwort. Wie groß hätte der personelle Umbruch bei Sechzig im Falle des Aufstiegs ausfallen müssen?

Es wäre einiges zu tun gewesen. Und ich weiß nicht, ob alles umsetzbar gewesen wäre, ob wir die Etatstruktur so hinbekommen hätten, dass es reicht.

Sie spielen auf die gestundeten Zahlungen an, die bei einem Aufstieg fällig geworden wären. Restmiete Arena, Catering . . .

Nicht falsch verstehen, natürlich hätten wir alle gerne in der 2. Liga gespielt. Aber es wird schon seinen Sinn gehabt haben, dass wir nicht aufgestiegen sind. Wenn’s dich oben beutelt und gleich wieder runterhaut, was hast du gewonnen? Du musst mit einer Mannschaft hochgehen, die schon konkurrenzfähig ist – und dann gezielt Verstärkungen dazu holen.

Hätten Sie Sascha Mölders die 2. Liga noch zugetraut?

Ja, warum nicht? Seine Abschlussqualität ist immer noch erstklassig. Die Fragen sind: Schaffen wir es als Mannschaft, ihn defensiv so zu entlasten, dass er wenig laufen muss und wir ihn trotzdem immer wieder in Position bringen? Und kann er sich noch mal so quälen im Training, immer wieder aufraffen nach kleinen Verletzungen? Wichtig ist, dass wir einen Typen wie Marcel Bär dazubekommen haben, der auch eine hohe Qualität hat.

Bislang war seine Torquote stets einstellig.

Wartet ab, der Junge macht seine Sache richtig gut hier.

Ein Sorgenkind ist Stefan Lex, dessen Abschlussqualität Sie in der Vorbereitung deutlich kritisierten. Wie fiel die Reaktion aus?

Natürlich hat’s ihn geschüttelt, aber wir haben intern darüber geredet, er will ja auch selbst mehr. Der Druck war einfach enorm auf ihn letzte Saison. Es gab kaum Alternativen, er ist verkrampft. Jetzt steht er nicht mehr so unter Zugzwang.

Aha.

Wir müssen uns den Gesetzmäßigkeiten des Profifußballs stellen, und das sind Ergebnisse. Wir können hier keine Wohlfühloase aufbauen, eine eigene Löwenwelt, die mit der Realität nichts zu tun hat.

Blicken Sie manchmal beunruhigt rüber zum Rivalen Türkgücü, wo ein Spieler nach dem anderen verpflichtet wurde?

Nein, das sehe ich ganz entspannt. Klar haben die große Ambitionen und eine ganze Reihe an erfahrenen Spielern – wie letztes Jahr auch. Aber es gibt halt auch einige erfolgsmindernde Themen, ohne dass ich da jetzt näher drauf eingehen will.

Bei Sechzig war der erfolgsmindernde Faktor jahrelang der Konflikt zwischen Verein und Investor. Wie haltbar fühlt sich der aktuelle Friede der Gesellschafter für Sie an?

Ich habe bis dato sowohl bei Robert Reisinger als auch bei Hasan Ismaik das Gefühl, dass sie an sportlichem Erfolg interessiert sind. Meinungsverschiedenheiten wird es immer geben, das ist nichts Schlechtes. Wichtig ist, dass es sachlich bleibt. Ich bin gespannt auf die Mitgliederversammlung im Herbst. Da werde ich jede Minute dabei sein, weil ich wissen will, wie der Verein tickt.

Wie nahe sind Sie Ismaik bisher gekommen?

Er hat mir zum Tod meines Vaters einen persönlichen Brief geschrieben, das habe ich sehr sympathisch gefunden, das war klasse. Persönlich gesprochen haben wir noch nicht, der Kontakt lief über seinen Bruder Yahya. Für mich ist entscheidend, dass er zufrieden mit unserer Arbeit ist. Aber natürlich würde ich ihn gerne mal kennenlernen. Was man so hört, soll es auch nicht mehr allzu lange dauern.

Quelle: tz.de
23. Juli 2021
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