"Jesus hat sich nicht in den nächsten ICE gesetzt"

Der gläubige 1860-Trainer Michael Köllner, 51, erklärt, was ihm die Heiligen Drei Könige bedeuten, was er schon als Kind in der Metzgerei lernte, was er zur ungewohnten Ruhe im Verein beigetragen hat - und warum er für den Aufstieg mit den Löwen keine wilden Dinge machen will.

Von Markus Schäflein und Philipp Schneider

SZ: Herr Köllner, viele verbinden mit dem Dreikönigstag die Freude darüber, dass der Weihnachtsbaum endlich aus dem Wohnzimmer verschwindet. Und Sie?
Michael Köllner: Ich bin noch alttraditionell aufgewachsen. Da kommt der Baum meistens erst Anfang Februar an Mariä Lichtmess raus - je nach Zustand des Baums.

Aber nadelt der Baum dann nicht schon wie Hölle?
Tja, das ist die Kunst meiner Mutter gewesen, dass der Baum so hingestellt und gepflegt wird, dass er lange hält. Das ist heutzutage allerdings schwieriger. Früher waren die Häuser kälter, da gab es keine Fußbodenheizung. Da hat der Baum auch nach dem Abholzen noch ein ganz anderes Leben gehabt! Heute hat er es warm und beginnt schon nach drei Tagen, die ersten Nadeln abzuwerfen. Ich verbinde aber etwas anderes mit den Drei Königen ...

Das wäre?
Ich war ja jahrelang Sternsinger. Als Ministrant war das einerseits für mich Pflicht, andererseits eine schöne Sache. Die Rollen waren unterschiedlich: Warst du Caspar, Melchior oder Balthasar? Manchmal musste man sich Schuhcreme ins Gesicht reiben (lacht).

War das die beliebteste Rolle?
Die Rolle war egal. Es ging uns eher ums Singen und Gedichtevortragen. Bei fast jedem Haus, wo man geklingelt hat, gab es viele Süßigkeiten und finanzielle Zuwendungen. Ich war mit Freunden unterwegs und einer erwachsenen Person, die uns im Auto in die äußeren Bereiche der Gemeinde chauffiert hat, die zu Fuß nicht mehr zu erreichen waren, Einsiedlerhöfe und solcherlei. Für die Kameradschaft war das wunderbar.

Waren Sie stimmlich ein guter Sternsinger?
Ich habe das Singen eher den anderen überlassen und mit der Kreide auf die Türe geschrieben und das Haus gesegnet.

Durften Sie selber Geld behalten?
Das hat sich so ergeben. Viele haben gesagt: Da, das nehmt's für die Kasse. Und hier, die zwei Mark sind aber für euch. Der Pfarrer hat das natürlich nicht so gerne gesehen, aber dann wurde bei den paar Mark schon ein Auge zugedrückt. Man wusste als Kind auch: Da hinten sind die Neubaugebiete, wo es eher weniger Zuwendungen gibt. Und auch vor 40 Jahren gab es natürlich schon manche, bei denen man nicht so willkommen war, die dann auch mal gerufen haben: Schleicht's euch!

Irre! In Fuchsmühl in der Oberpfalz?
Ja, das kann man sich nicht vorstellen. Aber es gab manche, die wollten mit der katholischen Kirche schon damals nichts zu tun haben.

Die Heiligen Drei Könige lassen sich vom Stern von Bethlehem zur Krippe leiten. Glauben Sie an Bestimmung?
In meinem Leben hat es zunehmend stärker werdend eine tragende Rolle gespielt, dass ich wusste: Ich kann mich in fremde Hände begeben und weiß, ich bin gut geführt. Ich habe einen Bibelspruch in meinem Whatsapp-Profil (liest vor): "Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Weg und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe." Zweites Buch Mose.

Wo genau steht das in ihrem Profil?
Im Status. Da, wo andere stehen haben: Bin im Fitnessstudio, oder: Ich schlafe (lacht). Der Spruch soll heißen, dass mir mein Glauben das Gefühl gibt, dass mir nie etwas passieren kann. Es kann schon sein, dass ich hier gleich rausgehe aus dem Büro und mich normalerweise die Tram über den Haufen fahren würde. Und wenn mir etwas Schlechtes passiert, dann stellt sich die Frage nach der Relation. Wenn ich jetzt also rausgehe, ausrutsche und mir den Fuß breche, dafür aber eben nicht kurz darauf von der Tram erwischt werde, dann ist der Bruch doch das kleinere Übel. Und die drei Könige, die dem Stern folgen, sind nicht nur ein Bild für den Glauben, sondern auch dafür, dass man seinen Mitmenschen vertrauen kann und Vertrauen haben darf in den Weg, der einem vorgegeben ist. Nachdem ich mit Nürnberg in die Bundesliga aufgestiegen bin, habe ich - auch aus Dank - eine Rundreise durch Israel gemacht.

Wo genau?
Ich wollte mir alle biblischen Stätten anschauen. Sehen, unter welchen Bedingungen die heilige Familie damals unterwegs war. Sie hatten ja kein Auto mit 200 PS. Nach der Bergpredigt hat sich Jesus nicht in den nächsten ICE gesetzt, um von A nach B zu kommen. Er ist alles gelaufen, und wenn er Glück hatte, dann hatte er einen Esel, auf den er sich hin und wieder mal setzen konnte. Er hatte keine topmodernen Schuhe, keine Einlagen. Er hatte Latschen! Wenn du heute ein Kind 50 Meter vor dem Ziel aus dem Auto absetzt, heißt es: Öh! Muss ich das alles laufen?

Stimmt es, dass Sie einst Pfarrer werden wollten?
Fußballtrainer zu sein, das ist meine Bestimmung. Da hat man auch eine Gemeinde, die einem anvertraut ist, die Leute verlassen sich auf einen. Ich hatte in Fuchsmühl über sehr viele Jahre einen Pfarrer, den ich damals wie heute richtig gut finde. Die Art, wie Pater Gisbert die Gemeinde geführt hat. Und wie er in der Christmette richtig losgelegt hat und sich getraut hat, Missstände anzusprechen: Er hat die Menschen kritisiert, dass sie nur einmal im Jahr in die Kirche kommen, um dann dort ihre teuren Pelzmäntel zu präsentieren. Das fand ich sympathisch und vor allem ehrlich und klar!

Sie sind nicht nur in der Kirche und später in einem Klosterinternat groß geworden, sondern auch im Wirtshaus Ihrer Großeltern. Einem Ort des Lasters!
Gaststätten waren ja früher noch schlimmer als heutzutage. Es gab keine Sperrstunde, keine Polizei, nichts wurde gefilmt. Da ging es richtig rund (lacht). Ich finde es wichtig, dass Kinder mit dem richtigen Leben aufwachsen. Wer macht das noch? Heute sind viele Kinder viel zu sehr behütet. Hauptsache, es kommt nichts an sie heran. Ich hab damals als Kind mitten in der Gaststätte gestanden, auch in der Metzgerei. Da wurden jeden Tag Schweine neben mir geschlachtet und Bullen geschossen. Und im Wirtshaus habe ich von der Früh bis abends alles erlebt! Leute, die zum Kartenspielen reinkamen, Leute, die Geselligkeit finden wollten, andere, die kamen, um sich wild zu betrinken, oder sogar Alkoholiker waren. Der eine war gerade in Rente gegangen, der andere ging im Winter stempeln, weil er Bauarbeiter war. Ich bin so mit Menschen aus allen Altersstrukturen und Schichten ins Gespräch gekommen. Ich habe mich mit 80-Jährigen genauso unterhalten wie mit 17-Jährigen. Wer erlebt das heute noch? Ältere Menschen werden ins Altersheim abgeschoben, die Kinder in die Kita. Und den Onkel besucht man auch nicht mehr.

Hilft die Wirtshaus-Erfahrung auch bei der Arbeit als Trainer?
Klar. Ich habe aktuell 16-Jährige im Training und einen fast 36-Jährigen. Der eine könnte der Vater von dem anderen sein, ohne dass dafür ein anatomisches Wunder nötig wäre. Was mich freut: Sechzig München steht für Einigkeit, auch neben dem Platz, und für einen geradlinigen Weg. Und auf dem Platz hängen sich die Spieler rein und bereiten so Freude.

Sie sagen das so lapidar: Bevor Sie hier angefangen haben, hat 1860 gewissen Menschen Freude bereitet mit Uneinigkeit.
Da war sicher eine große Portion Schadenfreude von außen dabei. Es geht doch auch anders: Wir haben im Sommer trotz der Pandemie über 10 000 Dauerkarten verkauft. Und 70 Prozent der Leute haben gesagt, dass sie ihr Geld nicht wiederhaben wollen.

Eine Kollekte wie in einer Kirchengemeinde! Woher kommt die neue Einigkeit?
Es liegt daran, dass jeder in seinem Bereich das maximal Mögliche unternimmt und sich alle gemeinsam einem Ziel unterordnen, dem sportlichen Erfolg.

Hat die Pandemie also zumindest beim TSV 1860 München etwas Gutes bewirkt?
Nein, an Corona liegt das nicht. Wir befanden uns schon auf einem guten Weg, bevor die Pandemie im März ausgebrochen ist. Aber ich bin mehr als froh, dass es uns gelungen ist, auf allen Ebenen einen guten Weg eingeschlagen zu haben - sowohl auf als auch auf neben dem Platz.

Herr Köllner, Hand aufs Herz: Seit dem Einstieg von Hasan Ismaik bei 1860 vor zehn Jahren gab es hier permanent Stunk. Wenn der Frieden bei 1860 nicht an Corona liegt - das Einzige, das ansonsten neu ist im Verein, ist: Michael Köllner!
(lacht) Ich werde schon auch eine Kleinigkeit dazu beigetragen haben. Man darf aber eines nicht unterschätzen: Günther Gorenzel (Sport-Geschäftsführer, d. Red.) macht einen Riesenjob. Am Ende ist es aber immer ein Prozess aller Beteiligten.

... Gorenzel war allerdings auch schon da, als es noch Stunk gab ...
Er ist vielleicht nur nicht so der redselige Mensch, wie ich einer bin, und versucht, die Fäden in seiner Art und Weise im Hintergrund zu ziehen.

Er redet sehr staatstragend.
Das mag sein. Aber er ist für das Innenleben des Vereins enorm wichtig. Wer Günther Gorenzel und mir beim Arbeiten zusieht, der merkt: Wir machen keine wilden Dinge. Mit Ehrlichkeit kommt man weiter. Wir haben nur ein Ziel: Wir wollen, dass der Verein wieder dahin kommt, wo er mal war. Das ist ein langer Weg, aber irgendwann musst du den ersten Schritt machen - und dann die nächsten.

Sie haben Präsidium und Investor doch bestimmt mal aus dem Brief an die Kolosser vorgetragen! Da heißt es: "Und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!"
(lacht) Nein, habe ich nicht.

Vor Ihnen haben sich alle Trainer bei 1860 hingestellt und gejammert, sie bräuchten so und so viel neue Spieler, sonst gehe die Welt unter. Ricardo Moniz hat einst eine komplett neue Mannschaft gefordert.
So bin ich nicht erzogen! Ich wollte als Kind immer ein Motorrad zu Weihnachten. Ein Freund von mir, der Sohn eines Busunternehmers, hatte so ein kleines Kindermotorrad mit Batterie.

Sie haben das nicht auch bekommen?
Nie! Also musste ich mit meinem Fahrrad weiter rumfahren. Darum geht es doch: Man muss sich mit der Realität arrangieren. Ich kann nicht Wochen später etwas anderes fordern als das, was ich vorher mit Günther Gorenzel besprochen habe. Ich habe ja den Job angetreten am 11.11.2019 im Wissen darum, wie hier die Bedingungen sind. Wir haben einen Etat, der sich im Ligavergleich im Mitteldrittel bewegt, daher können nicht alle Positionen eins zu eins ersetzt werden. Für mich gilt: Was ich mündlich zugesagt habe, davon weiche ich nicht mehr zurück. Und ich will hier auch sportlich Erfolg haben, aber immer zu der Bedingung, dass meine Lebensqualität so groß wie möglich ist. Das ist für mich die einzige Bedingung.

Nun ist Sechzig der Verein, in dem alle Funktionäre und Trainer seit vielen Jahren die schlechteste Lebensqualität haben. Und Sie sitzen da mit guter Laune und sagen, Sie hätten Lebensqualität. Wo kommt dieses positive Denken her?
Ich habe in meinem Leben viele Leute an meiner Seite gehabt, die es ehrlich mit mir gemeint haben. Das ist für mich als auch Trainer ganz wichtig, dass ich auch so sein möchte. Und mit diesem Vertrauen gehe ich hier auch zu den Verantwortlichen. Für mich sind das die Menschen, die den Verein führen, und ich bin ihr Angestellter. Punkt, aus. Ich habe sicherlich eine leitende Position, aber ich bin trotzdem ihr Angestellter. Man muss einfach ehrlich miteinander umgehen. Für mich ist das keine Hexerei, auch wenn viele sagen, die schon länger hier sind: Das gibt's doch nicht. Da kommt der daher, und seitdem ist eine Ruhe in dem Verein, und seitdem gibt's keine Querelen mehr. Ich finde, das ist eigentlich ein Normalzustand.

(SZ lacht)
Also für mich ist das so. Man kann doch nicht sagen, der Skandalzustand ist der Normalzustand.

Und jetzt ziehen Sie Ihr Ding durch. Wie damals auf der Klosterschule, die Sie gerne wieder verlassen hätten, als Ihre älteren Mitschüler Sie mal in einen Mülleimer gesteckt haben. Aber Ihr Vater hat gesagt: Du bist jetzt da und bleibst!
Den Bogen kann man schon spannen. Wir müssen bei 1860 aufpassen, dass die Erwartungshaltung nicht unser Denken verändert. Nach dem Motto: Ah, jetzt müssen wir was Spezielles machen. Unsere Bedingungen sind die gleichen wie Anfang August. Also sollte unsere Erwartungshaltung weiter analog zu den Voraussetzungen und Gegebenheiten sein.

Es gibt Leute, die finden, dass so ein Heimspiel im Grünwalder Stadion wie ein Gottesdienst ist. Ist das Blasphemie, wenn man so etwas sagt?
Finde ich nicht. Die Frage ist ja oft: Wer hat recht? Gibt es Gott? Gibt es Buddha? Gibt es Mohammed? Das weiß keiner von uns. Keiner. Jeder glaubt in seiner Denkweise, dass er auf dem richtigen Weg ist. Das Wichtigste ist im Leben immer, dass es Heimat gibt. Und das Grünwalder ist für viele Heimat. Sie pilgern alle 14 Tage da rein und sagen: Das sind Stunden in meiner Woche, im Leben, in denen ich für mich glücklich bin. Das ist doch das Schönste, das es gibt - wenn du aus deinem normalen Leben raus bist und irgendwo an einem glückseligen Ort. Für andere ist das die Kirche. Es geht nicht darum, dass man das eine mit dem anderen vergleicht oder gegeneinander aufwiegt, sondern dass man froh sein muss, dass es solche Orte gibt.

Und die Historie des TSV 1860 gleicht ja schon einer Passionsgeschichte.
Sechzig ist für mich ein Abbild des Lebens. Natürlich gibt es auch Menschen auf dieser Erde, die nicht leiden, die vom ersten bis zum letzten Tag ein Superleben haben. Aber der Querschnitt der Bevölkerung lebt in Auf und Abs. Deswegen gehen die Leute auch zum Fußball. Das hat nichts damit zu tun, ob da unten einer den Ball mit dem Vollspann trifft oder mit dem Innenspann. Die Faszination ist das Drumherum: dass so viele dahin gehen und vollkommen über ihrer gesellschaftlichen Struktur stehen. Da stehen unterschiedliche Bildungsgrade nebeneinander, und das erlebst du in dieser Gesellschaft immer weniger.

Wie früher im Wirtshaus.
Genau. Das Wirtshaus gibt's ja auch nicht mehr. Wir haben früher im Ort fünf Wirtshäuser gehabt, die haben alle gelebt, da waren überall Leute drin. Jetzt haben wir gerade noch so ein halbes. Und das wird auch noch verschwinden. Andere Vereine bilden das im Fußball ja auch schon nicht mehr ab, aber Sechzig schon.

Die Klosterschule in Weiden - was war das Schlimmste da?
Ich glaube grundsätzlich: Weg von der Familie zu sein, ist das Schlimmste. Und es gab auch sonst viel Schlimmes. Das waren harte acht Jahre meines Lebens, die ich meinen Kindern nie angetan hätte.

Warum sind Sie eigentlich ins Internat gegangen? Aus eigenem Antrieb?
Ja, aus eigenem Antrieb. Die haben eine Fußballhalle gehabt, das gab es damals bei uns noch nicht. Ich bin sozusagen dieser Halle und den schönen Rasenplätzen im Freien erlegen. In meinem Ort haben wir eine Schulturnhalle gehabt, die war ein größeres Wohnzimmer. Und es gab einen schlechten Rasenplatz. Und dann kommst du dahin, und da ist eine große Halle und drei Fußballplätze, einer mit Hartboden. Und dann sagst du: Hier kann ich das ganze Jahr kicken, egal wie kalt es ist! Und in der nördlichen Oberpfalz geht der Wind schon ein bisschen schärfer her!

Und dann wollten Sie schnell wieder weg, durften aber von Ihrem Vater aus nicht.
Genau. Man kann jetzt darüber streiten, ob das eine wertvolle Erfahrung war, aber ich möchte es nicht mehr erleben, es waren wenig schöne Zeiten. Das Einzige, das mir durch die Woche geholfen hat, war der Fußball. Ich konnte ja jede freie Minute kicken. So wie mir damals der Fußball als Spieler geholfen hat, geht es wahrscheinlich auch den Fans. Sie können sagen: Wenn Fußball ist, bin ich völlig raus aus allem. Ich hätte die Zeit im Internat ohne Fußball nie durchgehalten. Deswegen bin ich dem Fußball auch so dankbar.

Und deshalb haben Sie auch diese Passion für das Spiel und die Spieler entwickelt?
Du musst es aus der Liebe heraus machen. Wenn ich meinen Job irgendwann mal nicht mehr liebe, höre ich auf. Ich liebe Menschen. Gestern habe ich zum Geburtstag ein Zitat von Meister Eckhart geschickt bekommen, das habe ich dann auch der Mannschaft in der Kabine vorgelesen.

Wie reagieren die Spieler auf solche Themen, entsteht da auch mal ein Gespräch?
Ab und zu. Natürlich wird jetzt keiner in der Kabine kommen und sagen: Super Zitat oder Gedicht, Trainer! Können wir da jetzt drüber diskutieren? Das sind dann eher Themen, die hochkommen, wenn man mal unter vier Augen spricht. Es waren auch schon mal Spieler dabei, die sich selbst stark die Frage gestellt haben: Was ist der Sinn des Lebens? Hat für mich Profifußball auf dem Niveau überhaupt einen Sinn? Und sie haben sich auch überlegt, ob sie aufhören sollen. Und das ist schon gut, wenn man über solche Themen mal versucht, länger zu diskutieren.

Waren das junge Spieler?
Nee, nee, so 27, 28. Und das finde ich schon interessant, generell, die Frage: Ist das jetzt hier meine Bestimmung? Jeder sagt: Du bist Profifußballer, super, klasse. Das ist es nicht für jeden, überhaupt nicht. Was ist denn so toll? Vom Trainer wirst du fremdbestimmt. Du hast wenig Raum für eine eigene Meinung. Und eineinhalb Stunden hüpfst du dann vor ein paar Zuschauern rum. Das ist so.

Was stand eigentlich in dem Zitat von Meister Eckhart, der ja als der Erfinder der Gelassenheit gilt, das Sie Ihrer Mannschaft vorgetragen haben?
"Ein Weiser wurde gefragt, welches die wichtigste Stunde sei, die der Mensch erlebt, welches der bedeutendste Mensch, der ihm begegnet, und welches das notwendigste Werk sei. Die Antwort lautete: Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch immer der, der dir gerade gegenübersteht, und das notwendigste Werk ist immer die Liebe." Ich bin absolut überzeugt: Wenn du dich an das hältst, bist du gut unterwegs.

Quelle: sueddeutsche.de
4. Januar 2021
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