Köllner im Interview zum Einjährigen bei Sechzig

Warum er sogar in der Nacht für die Löwen aufsteht

In einem Jahr bei 1860 hat Michael Köllner viel bewegt. Zeit für ein großes Interview. Über ein Löwen-Tattoo, nächtliche Notizen und den Traum von der Bundesliga-Rückkehr.

München - Am Montag feiert Michael Köllner (50) sein Einjähriges als Trainer des TSV 1860. Vorher führten wir mit ihm ein ausführliches Interview über eine ganz besondere Beziehung zum Giesinger Verein, der am Samstag auf den Halleschen FC trifft.

Herr Köllner, ein Jahr bei den Löwen: Worauf sind Sie am meisten stolz? Was ist Ihre wertvollste Leistung - sportlich und abseits des Sports?

Köllner:
Stolz ist der falsche Ausdruck. Was die wertvollste Leistung ist, können gerne andere beurteilen. Bezogen auf 1860 bin ich einfach froh darüber, dass wir die Mannschaft frühzeitig in der 3. Liga stabilisieren konnten, ihr einen attraktiven, offensiven Fußball verliehen haben und am Ende mit einer langen, ungeschlagenen Serie viel Vertrauen von den Fans zurückbekommen haben. Das hat sich vor allem in der Pandemie-Zeit sehr positiv ausgewirkt. Froh macht mich auch, dass wir im Sommer einen Umbruch erfolgreich vollzogen haben.

Das inoffizielle Vereinsmotto lautet: Einmal Löwe, immer Löwe! Ist das nachvollziehbar für Sie?

Köllner:
Absolut! Nach einem Jahr kann ich schon von mir behaupten, dass „Einmal Löwe, immer Löwe“ auch auf mich zutrifft. Der Verein geht schon unter die Haut, ich versuche jeden Tag, 1860 Prozent für Sechzig zu geben - und das prägt. Ich trage den Löwen von Tag zu Tag mehr in meinem Herzen. Der Löwe wächst sozusagen in meiner Brust und ist schon sehr groß. (lacht)

Was war Ihr schönster Sieg bisher?

Köllner:
Mein schönster Sieg liegt weniger auf dem Fußballplatz. Vielmehr empfinde ich es als riesigen Erfolg, dass es uns gelungen ist, so bei den Fans und Sponsoren zu punkten. Das ist der größte Sieg und wirkt sich in der schwierigen Zeit der Pandemie absolut positiv aus.

Und die schmerzhafteste Niederlage?

Köllner:
Da möchte ich keine herausheben. Jede einzelne tut weh. Bei 1860 gab es kaum Spiele, in denen wir absolut verdiente Niederlagen kassiert haben. Meistens hatten wir die Möglichkeit, das Spiel auch für uns zu entscheiden. Und dann ist die Niederlage noch schmerzhafter. Zum Glück haben wir nicht so viele Spiele verloren.

Was war Ihr schwierigster Moment bisher?

Köllner:
Ein sehr schwieriger Moment war für mich, als wir uns von Spielern trennen mussten, die in der vergangenen Saison einen guten Job gemacht haben. Aber es war unabdingbar und am Ende musste ich mich da von mir selbst und meinen persönlichen Empfindungen lösen, um im Sinne der Sache und des Umbruchs entscheiden zu können.

Was würden Sie anders machen, wenn Sie das Jahr noch mal zurückspulen könnten?

Köllner:
Nichts, nichts, nichts - mit dem Kenntnisstand zum Zeitpunkt der Entscheidung. Jede Entscheidung war gut überlegt und sorgfältig abgewogen. Nichts kam aus einem Zufall. Jedes Erlebnis, jedes Ereignis, jedes Training und jedes Spiel, alles, was ich bisher rund um Sechzig erlebt habe, hatte am Ende immer einen tieferen Sinn. Insofern würde ich nichts zurückspulen. Man braucht auch vermeintlich negative Erlebnisse als Initialzündung für etwas Gutes.

Sportchef Günther Gorenzel sagte neulich: Die Bundesliga ist nur eine Frage der Zeit. Welcher Zeitraum schwebt Ihnen da vor?

Köllner:
Gar kein Zeitraum (lacht). Wir versuchen, uns Tag für Tag zu entwickeln, unsere Arbeit top zu erledigen. Was Günther Gorenzel mit dieser Aussage zum Ausdruck gebracht hat, ist, dass wir eine Vision haben, dass wir einen Weg haben und auf dem Weg sind. Aber welche Etappen wann kommen und wann wir welche Zwischenziele erreichen, kann niemand vorhersagen.

Ein Jahr bei 1860 - doch den Investor haben Sie noch nie persönlich getroffen. Was würden Sie ihm sagen bzw. ihn fragen, wenn Sie ihn mal kennenlernen könnten?

Köllner:
Das ist eine gute Frage, keine Ahnung (lacht). Aber ich glaube, dass sich aus dem Kennenlernen heraus viele Fragen ergeben würden. In erster Linie würde ich ihm jedoch danken. Ich kann nur für die letzten Monate sprechen und da würde ich Danke sagen dafür, dass er dem Verein eine gewisse Stabilität und eine Sicherheit gibt. Er zeigt, dass er sich um den Verein sorgt und dass er den Erfolg des Vereins will.

Ist Erfolg der beste Mediator?

Köllner:
Er kann der beste Mediator sein, muss es aber nicht. Erfolg um jeden Preis ist kein Mediator. Erst, wenn das Wie stimmig ist, ist Erfolg ein guter Mediator.

Sascha Mölders sagte im BR, Sie wären ihm bis zum Sommer jeden Tag in den Ohren gelegen, dass er seinen Vertrag verlängern muss. War das die Schlüsselpersonalie?

Köllner:
Für mich ist jeder einzelne Spieler unseres Kaders eine Schlüsselpersonalie. Aber sicherlich war es mir wichtig, dass Sascha dem Verein erhalten bleibt. 15 Tore und 15 Vorlagen, also 30 Scorerpunkte, sind ein Pfund, welches er vergangene Saison geliefert hat. Umso mehr freut es mich, dass wir ihn halten konnten und dass er gut in die Saison gestartet ist.

Wie hart träfe es das Team, wenn Mölders mal länger ausfiele?

Köllner:
Wir haben es jetzt geschafft, dass wir den Ausfall von Phillipp Steinhart nach seiner Gelb-Roten Karte kompensieren konnten, ebenso den Ausfall von Stefan Lex in Unterhaching. Bei Sascha Mölders als unserem Kapitän, unserem Torjäger, unserem Vorlagengeber würde uns ein Ausfall sicher besonders hart treffen. Aber auch damit müssten wir als Mannschaft umgehen und Lösungen finden.

Werden Sie Mölders auch nötigen, bis 2022 zu verlängern?

Köllner:
Es ist nicht zielführend, sich jetzt schon damit zu beschäftigen, was im nächsten Sommer sein wird. Jetzt geht es darum, dass wir die nächsten drei Partien und damit das erste Drittel der Saison gut bestreiten. Dann wird im Winter die Gelegenheit sein, bestimmte Personalien zu reflektieren und zu analysieren und abzuklopfen, was für alle Seiten Sinn macht.

Wer ist Ihr verlässlichstes Korrektiv als Mensch und Trainer?

Köllner:
Seit ich bei 1860 bin, habe ich zwei verlässliche Korrektive. Günther Gorenzel spiegelt mich sehr, sehr oft und gibt mir dadurch wichtige Informationen zu meinem Wirken auf und neben dem Platz. Ein anderes, hartes Korrektiv ist meine Familie. Meine Frau und meine Kinder sind sehr wichtig, da sie einen Blick von außen haben, mich kennen und damit bestimmte Themen aus einem anderen Blickwinkel beleuchten.

Was müsste passieren, dass Sie sich einen Löwen tätowieren lassen?

Köllner:
Das ist eine schwierige Frage, denn da gäbe es mit meiner Frau eine Person, die absolut dagegen wäre (lacht). Daher scheidet eine Tätowierung leider aus, da das eine große Krise zu Hause herbeiführen würde. Die habe ich ohnehin schon, wenn ich zu spät vom Vereinsgelände heimkomme, oder mich zu Hause ausschließlich mit Sechzig beschäftige. Nachts stehe ich manchmal auf, mache mir Notizen, denke über bestimmte Themengebiete nach. Das ist schon jedes Mal eine Belastungsprobe - vor allem in den Nächten nach Spielen. Ein Löwen-Tattoo würde das Fass wohl zum Überlaufen bringen.

Ist Ihre Frau eigentlich kritischer geworden, seit Sie ihren Lieblingsverein 1860 trainieren?

Köllner:
Sie war schon immer kritisch und fragt mich nach Niederlagen immer: „Wie kannst Du gegen die verlieren? Gegen die kann man doch gar nicht verlieren!“ Daher ist sie vom Grundsatz her kritisch, weiß aber auf der anderen Seite auch, mit welchen Möglichkeiten man als Trainer auskommen muss und was dann maximal möglich ist. Von daher ist wichtig, dass man einen starken Rückhalt zu Hause hat und der ist bei mir auf jeden Fall gegeben.

Interview: Ludwig Krammer, Uli Kellner

Quelle: tz.de
7. November 2020
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