Köllner will die Löwen auf Kurs bringen

Der Oberpfälzer stellt sich als Trainer des Münchner Fußball-Drittligisten einer ebenso spannenden wie heiklen Aufgabe.

München. Herr Köllner, zählen Sie noch zu der Generation, die in den Münchner Löwen zumindest einen Zweitligisten, wenn nicht einen Erstligisten sieht?

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als die Löwen in der Bayernliga am Weidener Wasserwerk gespielt haben. Hans Greben war Trainer bei Weiden, und die SpVgg, Unterhaching und der TSV 1860 haben damals um den Aufstieg in die 2. Liga gespielt. Das war meine erste Wahrnehmung. Präsenter ist mir natürlich die Zeit später in der Bundesliga, sogar im Uefa-Cup. Aber von der Vergangenheit können wir uns hier leider nichts kaufen. Wir beschäftigen uns mit der Realität. Das heißt, dass wir schauen müssen, eine sorgenfreie Saison zu spielen. Momentan sind wir auf einem sehr guten Weg dahin.

Die Trennung vom beliebten Coach Daniel Bierofka kam im November überraschend, sorgte für Turbulenzen. Überrascht es Sie, dass Sie vom Löwen-Umfeld dennoch sehr gut angenommen werden?

Schwer zu sagen. Man beschäftigt sich ja vorher nicht primär mit den Szenarien, wie es in den ersten fünf Wochen laufen könnte. Sicherlich gab es einige Fragezeichen im Vorfeld – zum Beispiel, wie die Mannschaft und das Umfeld mit dem Trainerwechsel umgehen. Zum Teil kann man das beeinflussen, indem man hart arbeitet, sich einbringt und alles für den neuen Verein gibt. Deswegen freut es mich, dass wir die ersten Wochen so gut hinbekommen haben.

Haben Sie gezögert, die heikle Aufgabe bei den Sechzigern anzunehmen?

Nein, eigentlich nicht. Die Entscheidung hat mir keine schlaflosen Nächte bereitet. Die Rahmenbedingungen kannte ich ja. Sechzig war für mich kein unbekanntes Terrain. Die Gespräche mit dem Verein und speziell mit (1860-Geschäftsführer/d. Red.) Günther Gorenzel haben mich innerhalb kurzer Zeit davon überzeugt, dass ich der Richtige für diese Aufgabe bin. Für mich war entscheidend, an welchen Stellschrauben in der Mannschaft man kurzfristig drehen kann.

Welches Potenzial steckt in der Mannschaft? Spiegelt Rang elf nach 19 Spielen das Leistungsvermögen korrekt wider?

In den ersten Wochen mit mir als Trainer hat die Mannschaft meines Erachtens sehr gute Fortschritte gemacht. Aber wie sich das Potenzial entwickelt, lässt sich nach dieser kurzen Zeit nur schwer abschätzen. Diesbezüglich wird erst der Januar richtig aufschlussreich für mich. Dann lässt sich vielleicht ermessen, ob und wann das Leistungsvermögen an die Decke stößt. Bis jetzt sehe ich das nicht. In drei Wochen Vorbereitung, davon eine Woche Trainingslager, lässt sich losgelöst vom Wettkampfdruck an vielen Schrauben drehen. Wofür dann am Ende das Potenzial reichen wird? Keine Ahnung! Ist es Platz zehn, acht, zwölf? Da werde ich mich zu keiner Prognose hinreißen lassen.

Wie gestaltete sich Ihr Einstieg?

Hilfreich waren für mich die zwei Wochen Länderspielpause vor dem Derby gegen den FC Bayern II. Die Mannschaft konnte meine Vorstellungen relativ schnell umsetzen. Oftmals haben Trainer und Team in dieser Situation nur ein paar wenige Tage Zeit, sich aufeinander einzustellen.

Die Löwen sind nach dem 2:2 im Derby in Ingolstadt sechs Spiele in Folge ungeschlagen, haben sechs Punkte Vorsprung auf den Abstiegsplatz. Haben Sie in der kurzen Zeit das Optimum aus dem Team herausgeholt?

Wenn man die Spiele Revue passieren lässt, hätten wir sogar die maximale Punktausbeute holen können. Wir hätten beispielsweise gegen die Bayern und gegen Großaspach siegen können oder müssen. Aber wichtig ist für uns zunächst einmal, das Saisonziel nicht aus den Augen zu verlieren. Vor fünf Wochen haben sich unsere Fans noch mit dem Abstieg beschäftigt, hatten den „worst case“ vor Augen. Sechs Spieltage später wird der Blick schon wieder auf die ersten drei Plätze gerichtet. Damit will ich sagen: Auch in einem Traditionsverein wie unserem sollte Realismus oder höchstens vorsichtiger Optimismus herrschen.

Sehen Sie in der Mannschaft gewisse Defizite?

Defizite hat jede Mannschaft, auch in der Champions League. Die muss ein Trainer so gut wie möglich über die Taktik kompensieren. Wir haben einige verletzte Spieler. Aber das sind nun mal die Rahmenbedingungen, mit denen du im professionellen Fußball maximal gut umgehen musst. Da hilft kein Jammern. Wir müssen nun unter anderem den Ausfall von Stefan Lex und Tim Rieder auffangen. Da sind Lösungen gefragt und Lösungen zu finden. Das ist am Ende mein Job.

Fordern Sie Verstärkungen in der Winterpause?

Der Kader ist in der Breite sehr gut zusammengestellt, das haben die letzten Ergebnisse gezeigt. Denn trotz der Ausfälle von Leistungsträgern wie Moll und Karger seit Sommer, in den letzten Wochen Bekiroglu und zuletzt Rieder und Lex, stimmt die sportliche Entwicklung und Richtung. Daher sehe ich uns für das Saisonziel, eine sorgenfreie Saison zu spielen, gut aufgestellt.

Legen Sie auch ein Augenmerk darauf, die früher legendäre Jugendarbeit des TSV 1860, die aktuell nicht mehr so hell strahlt, wieder zu verbessern?

Ja, absolut. Da sehe ich uns alle in der Pflicht. Es freut mich, dass das im NLZ auch so gesehen wird. Sehr viele Jugendtrainer schauen beim Training der Profis zu, sammeln Eindrücke, wollen Input haben, möchten aus dem Profitraining etwas für ihre Arbeit mitnehmen. Genauso ist es meine Aufgabe, die Arbeit im NLZ zu würdigen und zu begleiten. Für das NLZ ist es doch das Größte, wenn Spieler bei den eigenen Profis im eigenen Stadion auflaufen. Das muss unser Ziel sein. Dazu gehört der ständige Austausch, um am Ende einen Riesenmehrwert für den Verein zu schaffen.

Ihre Co-Trainer sind Günter Brandl und Oliver Beer, beide sind Regensburger. Warum haben Sie Brandl, der zuletzt den Bezirksligisten SpVgg Hainsacker coachte, mit nach München gebracht?

Wir kennen uns seit über 20 Jahren, auch aus Günters Zeit beim SSV Jahn in der 2. Liga. Ich habe gemerkt, wie wichtig es ist, eine Vertrauensperson an meiner Seite zu haben. Jemanden, dessen Denkweise identisch ist. Für mich war klar, dass Günter, ganz egal, wo es hingeht, Teil meines Trainerteams sein sollte. In Nürnberg ließ sich das noch nicht realisieren.

Wie definieren Sie Brandls Rolle?

Jeder Trainer hat seine Rolle. Und jeder im Trainerstab sollte seine Rolle bestmöglich ausfüllen. Jeder ist wichtig. Auch Oliver Beer ist für mich ein sehr wichtiger Mann. Oliver steht bei den Spielen an der Seitenlinie, Günter beobachtet das Spiel von oben auf der Tribüne. So haben wir eine sehr gute Aufgabenverteilung, und nach meinem Eindruck ist jeder mit seiner Rolle sehr zufrieden und kann sich zum Wohle des Vereins optimal einbringen.

Mit Markus Ziereis steht zudem ein ehemaliger Aufstiegsheld des SSV Jahn in Ihrem Kader. Er kommt meist von der Bank. Ist er ein Spitzen-Regionalligastürmer, stößt aber in der 3. Liga an sportliche Grenzen?

Ich kenne Markus schon seit seiner Zeit in Junioren-Auswahlmannschaften. Ich weiß, dass er sicherlich noch Reserven hat. Er hat natürlich momentan einen Sascha Mölders vor sich, der top performt. Auch einen Stefan Lex und Prince Owusu. Es gilt das Leistungsprinzip. Aber ich bin nach wie vor der Meinung, dass Markus das Potenzial hat, bei uns Stammspieler zu werden. Dieses Potenzial muss er auch zeigen. Für ihn wird die Vorbereitung im Januar ganz wichtig. Dann muss er klare Signale in puncto Leistung senden.

Sie haben während Ihrer Zeit beim 1. FC Nürnberg Ihren Wohnsitz in Regensburg beibehalten. Wie sieht es aktuell aus. Ziehen Sie nun ganz nach München?

Ich bin momentan noch im Hotel untergebracht. Meine Frau ist fleißig am Suchen. Wir haben noch unser Haus in Nürnberg. Unser Ziel ist es, spätestens im Frühjahr die Zelte dort abzubrechen und als Familie komplett nach München zu ziehen. Aber Regensburg bleibt immer mein Wohnsitz und auch meine Rückzugsbastion. Wenn es in der Trainerkarriere am Ende mal irgendwo nicht so gut ausgehen sollte, muss ich ja irgendwo hin. (lacht)

Ziehen Sie mit dem Umzug auch privat einen endgültigen Schlussstrich unter das Kapitel Nürnberg?

Auch in Nürnberg gefällt es uns nach wie vor gut. Ich war zuletzt bei der Sternstunden-Veranstaltung in der Frankenhalle, weil ich seit Sommer Teil des Sternstunden-Teams bin. Ich habe Karsten Wettberg dort als Trainer abgelöst. Wir sind sehr viel in Nürnberg unterwegs, nehmen viele Einladungen wahr, haben einen sehr angenehmen Freundeskreis dort. Nürnberg wird auch weiterhin Teil unseres Lebens bleiben.

Freuen Sie sich schon auf den hohen Freizeitwert in der Landeshauptstadt?

München bietet natürlich vieles, aber alles muss sich mit den Traineraufgaben zeitlich unter einen Hut bringen lassen. Ich bin grundsätzlich für alles offen, freue mich auch auf die diversen Sponsorentermine für Sechzig. Ich lasse mich überraschen, welche Einladungen kommen. München ist ja nicht nur eine Kultur-, sondern auch eine Sportstadt. Ich werde auch mal beim Eishockey vorbeischauen. In Nürnberg war ich ab und an Zuschauer bei den Ice Tigers.

Sie sprachen jüngst von „denen da oben aus dem Frankenland, die jetzt der 3. Liga entgegentaumeln“. Hegen Sie nach Ihrem Abschied einen Groll auf den Club?

Nein, absolut nicht! Das war flapsig gemeint, ist aber leider eine realistische Einschätzung, wenn ein Verein auf dem Relegationsplatz steht. Der Club gibt derzeit kein gutes Bild ab. Aber ich hege wirklich keine Schadenfreude. Ganz im Gegenteil: Ich leide mit! Der Verein hat eine riesige Strahlkraft und eine super Fanbasis, er bleibt Teil meines Herzens. Nürnberg war meine erste Profistation. Es sind ja auch noch viele Spieler da, die ich kenne. Ich drücke dem 1. FC Nürnberg mehr als jedem anderen Verein die Daumen, dass er wieder die Kurve kriegt.

Zurück zum TSV 1860 und der Gretchenfrage: Wie stehen Sie zum Grünwalder Stadion?

Die Unterstützung unserer Fans ist ein dickes Faustpfand in Auswärts- wie Heimspielen. Die einzigartige Atmosphäre im Grünwalder Stadion trägt sicher noch mal was ganz Spezielles dazu bei.

Herr Köllner, hatten Sie bereits persönlichen Kontakt mit Löwen-Investor Hasan Ismaik?

Die Geschäftsführung steht im stetigen Austausch mit den Gesellschaftern. Für mich in meiner Funktion ist wichtig, dass alle im Verein alles dafür tun, damit die Löwen erfolgreich sind. Und das nehme ich momentan hundertprozentig so wahr. Ich finde in dieser Beziehung eine konstruktive Konstellation vor.

Quelle: mittelbayerische.de
18. Dezember 2019
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