Löwen-Trainer Köllner: "Wir werden unsere Fans gewaltig vermissen"

Kurz vor dem Re-Start am Sonntag gegen Duisburg spricht Löwen-Coach Michael Köllner im exklusiven AZ-Interview über das Quarantäne-Quartier der Sechzger, Corona-Skandale und Aufstiegs-Träume.

München - AZ-Interview mit Michael Köllner: Der 50-jährige Oberpfälzer ist seit November letzten Jahres bei den Löwen am Ruder und hat seitdem noch kein Spiel verloren.

AZ: Herr Köllner, Sie haben mit den Löwen ein einwöchiges Quarantäne-Quartier aufgeschlagen. Haben Sie genug Zahnpasta und Hautcreme eingepackt, damit Sie nicht wie Augsburgs Trainer Heiko Herrlich zum Supermarkt laufen müssen?
MICHAEL KÖLLNER: Mein Kulturbeutel ist gut gefüllt (lacht). Mein Problem ist eher, dass ich die Anlage nicht zum Joggen verlassen darf. Aber wir haben hier ein Laufband, das haben wir in den Außenbereich gestellt, damit wir unsere Runden an der frischen Luft drehen können. Wir sind alle sehr froh, dass es am Sonntag wieder losgeht. Das war die einzig vernünftige Entscheidung, denn sonst hätten wir den Fußball für ein, zwei Jahre begraben müssen.

Welche Bedingungen finden Sie in Ihrer Unterkunft im Münchner Süden vor?
Wir haben geschaut, dass wir eine Anlage mit viel Außenfläche finden. Jetzt haben wir das Hotel aufgrund der Corona-Krise für uns alleine. Was das Essen betrifft, müssen wir uns selbst versorgen: Die Speisen werden draußen ans Hotel gefahren, unser Betreuerstab bringt es uns. Das ist schon ungewohnt.

Berührungsängste in den Zweikämpfen verschwunden

Welche organisatorischen Änderungen verlangt das Hygienekonzept von 1860 und der Mannschaft?
Am Sonntag hatten wir ein internes Testspiel im Grünwalder Stadion, um den Ernstfall zu proben. Im Anschluss haben wir auch gleich den Ablauf der Englischen Wochen simuliert, auf den wir uns jetzt einstellen müssen: Die Regenerationsmaßnahmen wie Auslaufen und Ausdehnen direkt im Anschluss am Trainingsgelände, da wir ja sofort wieder spielen. An Heim-Spieltagen werden wir dann schon umgezogen vom Vereinsgelände zum Stadion fahren, da beide Kabinen im Stadion von den Gästen genutzt werden. Wo ich die Kabinenansprache halte, muss ich mir noch überlegen.

Da müssen wir Sie ja nach dem Ausgang und den Torschützen des Testspiels fragen.
Die bleiben geheim. Aber es sind einige Tore gefallen. Nach einem ersten Spiel am Trainingsgelände, mit dem ich nicht zufrieden war, haben es beide Mannschaften diesmal sehr gut gemacht. Die Berührungsängste in den Zweikämpfen, die es am Anfang noch gab, sind mittlerweile verschwunden. Gleichzeitig halten sich alle unsere Spieler an die Hygienemaßnahmen.

Hygienemaßnahmen: Kein Strafenkatalog beim TSV 1860

Welche Gedanken sind Ihnen beim Video von Hertha-Star Salomon Kalou durch den Kopf geschossen, in dem er sämtliche Vorschriften mit Füßen trat?
Ich habe es nicht in Gänze gesehen, aber es war klar, dass irgendwas passiert. Es geht jetzt nicht darum, die Leute an den Pranger zu stellen. Kalou und auch Heiko Herrlich sind ja schon genug gestraft. Wichtig ist für uns: DFL und DFB haben ein ausgetüfteltes Hygienekonzept, das es uns ermöglicht, unseren Beruf ausüben zu dürfen. Bei mir gibt es auch jetzt keinen Strafenkatalog, denn ich habe erwachsene Menschen um mich herum, die den Regeln aus Eigenverantwortung folgen werden. Andere haben Fehler gemacht, aus denen wir alle gelernt haben.

Wie ist die Lage in der Mannschaft? Mit Aaron Berzel müssen Sie auf einen Führungsspieler verzichten.
Es ist bitter, dass Aaron ausfällt, aber er hat gutes Heilfleisch und kommt vielleicht schon zügig zurück. Er ist auch trotzdem mit ins Hotel gefahren, um dort sein Rehatraining zu absolvieren. Ansonsten müssen wir nur auf Semi Belkahia verzichten, der zuhause sein Aufbautraining macht.

Zum Auftakt gegen Spitzenreiter Duisburg

Richten wir den Blick auf Sonntag: Für wen ist das Spitzenspiel zum Auftakt undankbarer: Für Primus MSV Duisburg, der zu Serientäter Sechzig muss – oder andersrum?
Ich kann nur für uns sprechen: Wir haben gleich einen Kracher zu Hause, spielen gegen eine der stärksten Mannschaften der Liga. Aber wir wissen, dass wir sie schlagen können, wenn wir über uns hinauswachsen. Unsere Serie gibt uns Gewissheit, dass wir vorher gut gearbeitet haben.

Bei einem Sieg winkt 1860 ein Aufstiegsplatz. Wann nimmt Michael Köllner das A-Wort in den Mund?
Ich kann gerne vom Aufstieg sprechen, aber dadurch kriegen wir auch keine Punkte geschenkt (lacht). Wir haben in den letzten Wochen konzentriert unseren Job gemacht. Auch der Verein hat alles dafür getan, dass es weitergehen kann. Jetzt brennen wir darauf, die Saison zu Ende zu spielen. Wir müssen jetzt von null auf hundert fahren. Aufgrund der Corona-Krise muss jeder irgendwie Abstriche machen: Wir sperren die Spieler von ihren Familien weg. Wenn uns vor Monaten einer erklärt hätte, dass wir uns darüber freuen, im leeren Grünwalder zu spielen, hätten wir ihn wohl für verrückt erklärt. Wir werden unsere Fans am Sonntag gewaltig vermissen. Von daher wollen wir sie am Fernseher und Radio mit einem gutem Spiel glücklich machen.

Quelle: Abendzeitung München
27. Mai 2020
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