Michael Köllner: „Die Birne muss ständig an sein.“

Es war ein warmer Sonntag in Sandhausen, als Michael Köllner mit dem 1. FC Nürnberg den Aufstieg in die Bundesliga schaffte und damit den vorläufigen Höhepunkt seiner ungewöhnlichen Trainerkarriere erreichte. Von seinem Heimatverein, der SG Fuchsmühl, ging es für den heute 49-Jährigen bis in die deutsche Eliteliga, wo er im Februar allerdings Abschied aus Nürnberg nehmen musste.

Jetzt hat Köllner Zeit für interessante taktische Beobachtungen, wie er uns im Interview erzählt. Außerdem sprachen wir mit ihm über seine Ex-Klubs Greuther Fürth, Jahn Regensburg sowie den Club und intellektuelle Ansteuerung im Profifußball.

Herr Köllner, kennen Sie das Zitat „Autodidakten übertreiben immer“?
Michael Köllner: „Nein, das kenne ich nicht. Aber interessant. Wer hat das geliefert?“

Es stammt vom Dichter Theodor Fontane, ein Autodidakt, wie Sie auch sich selbst bezeichnen. Wann übertreibt denn Michael Köllner?
Köllner: „Das liegt im Auge des Betrachters. Letztlich müssen das andere beurteilen (lacht).“

Sie haben eine ungewöhnliche Karriere im Trainergeschäft hingelegt. Waren Sie eben aufgrund dessen oder trotz dieses Weges erfolgreich?
Köllner: „Sowohl als auch. In meinen Anfängen konnte ich bei unterklassigen Mannschaften und Jugendteams quasi sehr sehr vieles ausprobieren. Das Gelernte habe ich zu meiner Zeit als Auswahltrainer beim DFB weiterentwickelt. Dabei war es gut für mich, mehr als zwölf Jahre beim DFB zu bleiben. Auf Basis dieser langjährigen Erfahrung habe ich am Ende bei Greuther Fürth oder beim 1. FC Nürnberg viele Sachen top umsetzen können.“

Seit knapp fünf Monaten gehen Sie Ihren Weg ohne einen festen Verein. Wie sieht Ihr Tagesablauf momentan aus?
Köllner: „,Der Tag ist gut gefüllt. Ich nutze die Zeit, um Sport zu machen, das tut mir gut. Seit Jahren schon gehe ich täglich laufen, jetzt habe ich etwas mehr Zeit dafür. Außerdem bereite ich mich auf den nächsten Job vor, bilde mich weiter. Letzte Woche war ich zum Beispiel in Italien, habe mir die U21 EM angeschaut.

Auch in der Rückrunde der letzten Saison habe ich viele Spiele verfolgt. Losgelöst von Vereinen kann ich mich da an ein paar taktischen Dingen festbeißen. Es tut auch gut, sich mal selbst zu reflektieren. Außerdem bin ich relativ oft als Referent geladen, bei Trainerkongressen, Führungskräfteveranstaltungen und zuletzt auch an der Uni in München-Ismaning.“

Sie sagten, sie bilden sich weiter, beißen sich an taktischen Dingen fest. Welche Entwicklung fanden Sie zuletzt besonders interessant?
Köllner: „Wenn wir die U21 EM in Italien nehmen, ist es auffallend, dass die Mannschaften einen unterschiedlichen Fitnessstand haben. Da glänzt die deutsche Mannschaft, aber auch die anderen Teams, die sich ins Halbfinale vorgearbeitet hatten.

Man sieht auch viele verschiedene Spielstile. Die Engländer haben ein sehr gutes Positionsspiel und sind technisch klasse. Im ersten Spiel haben sie sich zwar quasi selbst besiegt, der Fußball, den sie im Spiel gegen Frankreich gezeigt haben, war dennoch beeindruckend.

Es gibt auch exzellente physisch starke Mannschaften wie die Franzosen. Jeder Spieler ist ein Kraftpaket. Das hat sich in den letzten Jahren extrem verändert und das wird sich in den nächsten Jahren auch noch weiter in diese Richtung entwickeln. Die Physis wird im Fußball einen noch höheren Stellenwert einnehmen.

Mit Rumänien ist eine Mannschaft ins Halbfinale eingezogen, die zwar eher dem Gegner das Spiel überlässt, aber mit viel Pathos und Leidenschaft spielte – und einige exzellente Spieler in ihren Reihen hat.“

Wie bewerten Sie denn die Entwicklung in der zweiten Liga, wer hat Sie in der Rückrunde überrascht?
Köllner: „Da gibt es einige. Vor allem bei Paderborn waren einige Spieler dabei, denen man den Erfolg nicht zugetraut hätte. Die Entwicklung war beeindruckend. Wenn man seine Dinge so gut erledigt wie Paderborn, ist am Ende eben sogar der Aufstieg drin.“

Ihr Ex-Verein Regensburg, für den Sie drei Jahre lang in der Jugend tätig waren, entwickelte sich zuletzt zu einem gefürchteten Gegner. Wie haben Sie die Entwicklung verfolgt?
Köllner: „Sehr interessiert. Ich habe immer noch einen Wohnsitz in Regensburg. Beim Jahn spielen noch einige frühere Auswahlspieler von mir, wie Urgestein Oliver Hein. Mich freut es, wie sie mit vermeintlich wenig hochdekorierten Spielern, aber viel Teamgeist, einer Topphysis und geschlossenen Mannschaftsleistungen seit zwei Jahren sehr gute Platzierungen in der zweiten Liga erzielen.“

Erfolgstrainer Achim Beierlorzer ist jetzt allerdings weg, Mersad Selimbegovic übernimmt. Was erwarten Sie von Regensburg in der kommenden Saison?
Köllner: „Stand jetzt ist der Jahn mit den vielen Abgängen und dem neuen Trainerteam eine Wundertüte. Der Umbruch ist aber vom Verein nicht ungewollt. Es wird spannend zu sehen sein, ob sie mit der neu zusammengestellten Mannschaft gleich wieder in die Spur finden.

Das gute beim Jahn war in den vergangenen Jahren, dass er mit den hinteren Rängen nie etwas zu tun hatte und keine schweren Verletzungen zu beklagen hatten. Dann spielt sich die Saison leichter. Der Schlüssel wird sein, wie sie in die Saison reinkommen, wie schnell sie Niederlagen wegstecken und auch, ob sie weiter von schweren Verletzungen verschont bleiben.“

Auch für Greuther Fürth waren sie tätig. Wie schätzen sie das Kleeblatt momentan ein?
Köllner: „Das Fundament der Mannschaft wurde zusammengehalten. Gleichzeitig haben sie sich mit vielen jungen, perspektivisch interessanten Spielern gut verstärkt. Solche cleveren Transfers von Spielern, die bei anderen Vereinen nicht unbedingt auf dem Zettel stehen, sich aber in Fürth entwickeln können, waren früher charakteristisch für den Verein.

Ich kenne den Präsidenten Fred Höfler ganz gut, er vertritt die Philosophie mit den jungen Spielern. Der Klub will an die gute Jugendarbeit anknüpfen, weil das einfach die Basis ist. Da ist Fürth wieder auf dem Weg zurück zu seiner Erfolgsformel, die den Verein über Jahre geprägt hat.“

Ein anderer Ihrer Ex-Klubs kickt jetzt auch wieder in Liga zwei. Der 1. FC Nürnberg will wieder hoch und das „umso schneller, umso besser“, wie Damir Canadi sagt. Trauen Sie dem Club den direkten Wiederaufstieg zu?
Köllner: „Ja, absolut. Sie konnten Teile der Mannschaft komplett übernehmen, es sind auch noch Spieler dabei, mit denen wir aufgestiegen sind. Außerdem haben sie sich sinnvoll verstärkt. Es gibt aber auch hier einige Fragezeichen: Wie verkraftet die Mannschaft den Abstieg, wie schnell kommen die neuen Spieler bei ihrem Verein an, wie schnell kriegen die neuen Trainer ihre Handschrift auf den Platz? Das wird interessant zu beobachten sein. Was in Nürnberg jedenfalls immer viel ausmacht: Die große Unterstützung der Fans. Damit ist sehr viel möglich.“

Aus Ihrer Nürnberger Zeit stammt die Geschichte, dass Sie Ihre Spieler auch gerne geistig fordern. Wie reagieren denn die Profis, wenn Sie ein Buch lesen müssen?
Köllner: „(lacht) Sie mussten keins lesen, haben aber eins geschenkt bekommen. Das ist ein Unterschied. Dennoch schadet eine intellektuelle Ansteuerung nicht. Der Fußball ist sehr komplex und taktisch anspruchsvoll geworden. Wenn du mental nicht auf der Höhe bist, kann eine einzige Situation über Sieg oder Niederlage entscheiden. Neben aller Arbeit auf dem Platz muss man also dafür sorgen, dass die Birne ständig an ist und da schadet so etwas nicht.“


Sie selbst lesen nicht nur Bücher, sondern schreiben auch welche, zuletzt einen Ratgeber für Talente. Wie wichtig ist es Ihnen, den Fußball nicht nur zu praktizieren, sondern richtig zu lehren?
Köllner: „Wenn man Auswahltrainer ist oder im Verband arbeitet, ist das automatisch die Funktion, die man einnimmt. Man unterrichtet ja letztlich seine Spieler. Jeder Trainer im Spitzenbereich ist de facto auch Lehrer. Deswegen nennt sich unsere Ausbildung ja auch Fußballlehrer und nicht Fußballtrainer. Die Bücher waren für mich eine interessante Erfahrung, mein Wissen zu fixieren.“

Und wann sehen wir Sie das wieder im Profigeschäft tun?
Köllner: „Das wird sich zeigen. Verschiedene Komponenten müssen zusammenpassen. Was passiert, wenn das geschieht, haben wir in Nürnberg gesehen. Dann schafft man so etwas Außergewöhnliches wie einen Aufstieg. Daher warte ich, bis ich das Gefühl habe, dass alles zusammenpasst. Dann hat man eine Grundlage, den Verein über mehrere Jahre erfolgreich nach vorne zu bringen.“

Herr Köllner, vielen Dank für das Gespräch!

Quelle: liga-zwei.de
29. Juni 2019
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