Michael Köllner im Interview

Michael Köllner (50) ist Fußballtrainer durch und durch. Er führte den 1. FC Nürnberg in die Bundesliga, war zuvor 12 Jahre beim DFB tätig und hat sich danach für ein Engagement beim Traditionsclub TSV 1860 München entschieden. Seither sind die Sechziger ungeschlagen, wurden nun im Aufstiegsrennen wie alle Clubs von Corona ausgebremst. Er gibt Tipps für die schwierigen Zeiten.

Michael, Du trainierst schon wieder mit dem TSV 1860, wie sehen die besonderen Anforderungen aus?
Die aktuelle Situation ist für uns alle sehr herausfordernd. Zum einen ist jeder von der Corona-Pandemie stark beeinflusst, so auch die Spieler. Über die Medien bekommen wir alle derzeit wenig Positives mitgeteilt, daher ist es für mich als Trainer wichtig, die Psyche jedes einzelnen Spielers ständig im Blick zu behalten. Zum anderen stehen wir auch sportlich vor einer großen Herausforderung. Es fehlt noch immer ein finales Datum, auf das wir hinarbeiten, denn noch ist ja nichts fixiert. Unser Tagesablauf sieht momentan so aus, dass wir mit unserem Training natürlich unserem Beruf nachkommen. Es ist sehr wichtig, dass die Spieler in ihrem Rhythmus und im Trainingsprozess bleiben – auch im Hinblick auf ihre Zukunftsaussichten in diesem Beruf Profifußballer. Aber selbstverständlich ist ein Berufsfußballer daran gewöhnt, auf Ziele hinzuarbeiten: in der Vorbereitung auf die Saison, oder im Laufe der Saison von Woche zu Woche auf die Punktspiele. Das fehlt uns aktuell. Insofern ist es eine besondere Herausforderung, die Spieler vollumfänglich mitzunehmen und dabei technisch-taktische Elemente im Blick zu haben. Denn auch in dieser speziellen Situation geht es darum, das Team und jeden einzelnen Spieler zu verbessern. Wir möchten unser Spiel und unsere Spieler weiterentwickeln, vielleicht auch ein Stück weit verändern. All das ist möglich, doch für mich als Trainer ist es eine Herausforderung, Programme zu entwickeln, die das Technisch-Taktische, das Konditionelle und die mentale Stärke fördern. Die Gedanken der Spieler sollen von der Corona-Epidemie etwas wegverlagert werden, ohne dass wir die realistische Einschätzung der Situation verlieren. Es ist eine Chance in der Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Menschen, mental zuzulegen und stärker zu werden.

Welche Fitness-Tipps gibst Du denjenigen, die gerade stattdessen im Home-Office sitzen?
Da gibt es eine Menge Ansätze. Was aus meiner Sicht elementar wichtig ist, ist ein geregelter Tagesablauf, auch wenn man sich im Home-Office befindet. Das heißt, man sollte feste Zeiten für sich definieren, wann man aufsteht, wann man arbeitet. Ich denke schon, dass manch einer dazu neigt, im Home-Office etwas nachlässig zu werden. Vieles hat mit Eigenverantwortung, Selbstmanagement und Disziplin zu tun – Disziplin vor allem im Bereich der Ernährung. Wenn man viel zu Hause ist und sich dementsprechend weniger bewegt, verbrennt man automatisch weniger Kalorien. Hinzu kommt ein Fokus auf Fitness. Im Internet werden unzählige Workouts als „Cyber-Kurse“ angeboten: Yoga, diverse Kurse aller Art, Übungen zur Ganzkörperkräftigung. Zudem kann man sich überlegen, was man an der frischen Luft tun kann. Zum Beispiel, joggen zu gehen, im Freien sich einfach zu bewegen. Es ist wichtig auf diese Weise aktiv zu sein, auch wenn das für den einen oder anderen noch Neuland ist. Damit man den Spaß nicht verliert, sollte man mit kleinen Sessions starten, die man bewältigen kann, und sich dann peu à peu steigern. Man sollte also nicht mit einer Stunde Jogging beginnen, wenn man vorher noch nie gelaufen ist. In diesem Fall startet man vielleicht besser mit zweimal zehn Minuten in lockerem Tempo, dehnt sich dazwischen ein bisschen und ist in Summe 30 Minuten an der frischen Luft. Das steigert man nach und nach. In den eigenen vier Wänden kann man mit der Blackroll auch ein Faszientraining machen – das trägt auf Dauer auch zum eigenen Wohlbefinden bei.

Wie behält man in diesen ungewissen Zeiten einen klaren Kopf, bleibt mental stark?
Grundsätzlich tut man sich keinen Gefallen damit, 24 Stunden am Tag in den Medien nach allem zu recherchieren, was über das Corona-Virus veröffentlicht wird. Man tut gut daran, sich zu informieren, die Informationen jedoch zu filtern, für sich zu sortieren und seriöse Medien vielleicht zu bestimmten Zeiten am Tag und nicht nonstop zu konsumieren. Um mental stark zu bleiben, benötigt man für sich einen Anker. Das kann ein geregelter Tagesablauf sein, aber auch ein soziales Umfeld und ein Ausgleich. Man benötigt weiterhin eine Gesprächskultur. Das heißt, dass es zum Beispiel wichtig ist, sich auch zu Hause zu unterhalten. Auch wenn die Tage weniger ereignisreich sind, muss man trotzdem versuchen, sich kommunikativ zu zeigen und den Geist weiter in Bewegung zu halten. Das gibt neue Impulse. Außerdem ist es wichtig, sich Ziele zu setzen. Im Profifußball und im Leistungssport allgemein setzt man sich immer Ziele. Und in Zeiten der Pandemie benötigt man Ziele für sich selber: beruflicher oder privater Art. So setzen wir uns auch im Fußball Ziele, was wir in dieser Woche erreichen möchten. Das tun wir im Trainerteam, indem wir definieren, welche athletischen Reize wir setzen und was wir fußballerisch weiterentwickeln möchten. Aber genauso müssen die Spieler im Kopf haben, was ihr nächstes Ziel in ihrer fußballerischen und Persönlichkeitsentwicklung ist. Wenn man sich solche Dinge plakativ vor Augen hält, behält man einen klaren Kopf und bleibt mental stark. Sicherlich müssen wir alle die Hinweise befolgen, die Politik und Gesundheitsbehörden uns vorgeben. Aber wir müssen nicht jede Stunde im Internet danach suchen. Auch außerhalb des Thememenspektrums Pandemie ist ein klarer Ablauf entscheidend: Privatleben, Berufsleben und Freizeit – auch wenn diese etwas eingeschränkt ist, kann man sich Freiräume schaffen, um zum Beispiel Sport auszuüben. Und über allem steht: Positiv bleiben, sich positive Gedanken machen und sich die Freude am Leben beibehalten! Und ein kleiner Tipp am Schluss, der nichts kostet und auch nicht weh tut: Einfach viel lachen und lächeln!

Quelle: Deutsche Sportlotterie
24. April 2020
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