Michael Köllner: "Ismaiks Brief werde ich niemals wegwerfen"

In wenigen Tagen ist Michael Köllner seit zwei Jahren Trainer beim TSV 1860 München. Für den 51-Jährigen sind die Löwen nach dem 1. FC Nürnberg die erst zweite Station im Profifußball.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht Köllner über die Zeit der Arbeitslosigkeit zwischen den Engagements beim Club und bei 1860, lukrative Offerten aus Wales und Wien sowie einen emotionalen Brief von Löwen-Investor Hasan Ismaik. Köllner erzählt zudem vom Lebenswandel der Kultfigur Sascha Mölders und erklärt, welche Probleme er als gläubiger Christ mit der katholischen Kirche hat.

Herr Köllner, was macht die Diät, die Sie in der Zeit ohne Traineramt begonnen hatten? Sie haben dabei auf Zucker, Süßigkeiten, Alkohol und Kohlenhydrate verzichtet.
Michael Köllner: Heikles Thema momentan! (lacht) Ich faste grundsätzlich mehrmals im Jahr, um mich zu entgiften. Vergangenes Jahr im Sommer habe ich es noch etwas extremer betrieben und auf fast alles verzichtet. Jetzt in der Wettkampfphase ist das schwierig. Da muss man schon etwas zuführen, um alles auszuhalten. Ich esse aber ohnehin meist nur einmal am Tag, oft nur abends. Aber aktuell bin ich wieder in einer zucker- und kohlenhydratfreien Phase.

Fast neun Monate lang hatten Sie zwischen dem Aus beim 1. FC Nürnberg und dem Einstieg bei 1860 München keinen Job. Was hat die Zeit außerhalb des Profi-Hamsterrads mit Ihnen gemacht?
Köllner: Anfangs war es recht ungewohnt, wenn man vom einen auf den anderen Tag aus diesem durchgetakteten 24-Stunden-Ablauf herausgerissen wird. Da habe ich mit der vielen Freizeit gefremdelt. Blicke ich auf die gesamte Zeit, ging es mir wirklich durchgängig so: Sechs Tage die Woche waren überragend und sehr angenehm, weil ich die Zeit genutzt habe, alte und neue Kontakte zu pflegen. Einmal pro Woche habe ich jedoch gehadert und gedacht: Mensch, ich wäre jetzt schon gerne wieder Trainer, die bisherigen Angebote reißen mich aber noch nicht so vom Hocker. Wo werde ich überhaupt landen?

War es auch eine Art Geschenk, einmal heraus aus dem teils auch fremdbestimmten Zustand als Profitrainer zu sein?
Köllner: Schön war vor allem, dass kein Zeitdruck mehr herrschte und ich nicht viele Termine zwischendurch hineinschieben musste, während ich mit dem Kopf eigentlich ganz woanders war. So war ich entspannt und fokussiert auf Fußball- und Trainer-Kongressen oder habe mich mit Experten zu unterschiedlichen Themen wie beispielsweise Regeneration ausgetauscht. Ich habe die Zeit auch zum Reflektieren genutzt. Ich protokolliere ja alle meine Trainingseinheiten und habe dann mal vom ersten bis zum letzten Tag in Nürnberg alles auseinandergenommen, sortiert und katalogisiert. Jetzt ist alles auf dem neuesten Stand und ich finde mich in meinem Archiv wunderbar zurecht.

Sport-Geschäftsführer Günther Gorenzel hat nach Ihrer Anstellung bei den Löwen gesagt, er hatte Sie nach dem Rücktritt von Daniel Bierofka zunächst gar nicht auf dem Zettel. Stimmt es, dass er Sie sehr spät abends anrief und Sie bereits den Schlafanzug angezogen hatten?
Köllner: Ja, ich war schon im leichten Nachtgewand! (lacht) Ich war überrascht, denn ich kannte die Nummer nicht. Wir haben uns dann rund 20 Minuten über die groben Eckdaten ausgetauscht. Tags darauf habe ich mich mit dem Thema tiefer auseinandergesetzt. Ich wollte von Günther wissen, wie er die Mannschaft und die Rahmenbedingungen sieht und was er von mir erwartet. Man muss sich ja immer klar darüber werden, ob man das auch erfüllen kann. Wenn man nur zusagt, um einen Job zu haben und dann nach zehn Spielen wieder entlassen wird, ist ja keinem geholfen.

Wieso hat Sie 1860 mit den vielen Skandalen in der älteren und jüngeren Vergangenheit nicht abgeschreckt?
Köllner: Es geht immer nur darum, ob es für beide Seiten passt und eben nicht darum, dass man endlich wieder einen Verein gefunden hat. Am Ende müssen die Leute, egal wo du im Fußball arbeitest, sehen, dass alles zu 100 Prozent läuft. Meine Stärken sind sicherlich Fleiß und Strukturiertheit.

An Menschen, die in der jüngeren Vergangenheit für den TSV arbeiteten, mangelt es nicht - haben Sie mit jemandem davon vor Ihrer Zusage gesprochen?
Köllner: Natürlich hatte ich durch Gespräche mit ehemaligen Verantwortlichen und meine Zeit beim Bayerischen Fußball-Verband über die Jahre ein gewisses Bild von 1860. Im Austausch mit Günther bekam ich stets das Gefühl, dass er ehrlich zu mir war. Es war zudem von Vorteil, dass er auch den Blick eines Trainers auf die Mannschaft hat. Wenn man dann zusagt, ist immer auch ein Stückchen Bauchgefühl mit dabei.

Ein paar Monate zuvor waren Sie einer der beiden letzten Bewerber um den Trainerposten bei Swansea City in Wales. Das Engagement scheiterte auch, weil Sie noch keinen kompletten Trainerstab beisammen hatten. Wie viele Leute hätten Sie denn dorthin mitbringen sollen?
Köllner: Es ist mittlerweile häufiger so, dass nicht mehr nur der Trainer geht, sondern mit ihm fünf, sechs Leute seines Teams. Ich hatte zwar einen Co-Trainer an der Hand, doch bei Swansea waren unter anderem auch die Positionen des Torwart- oder Athletiktrainers vakant. Als die Anfrage kam, sollte ich am nächsten Tag schon in London sein. Es ging alles Schlag auf Schlag. Letztlich ist mir ein wenig die Zeit ausgegangen, um innerhalb von 24 Stunden das gesamte Team parat zu haben.

Sie sagten, Sie haben vor dem Treffen mit Swanseas Vereinsverantwortlichen noch herumtelefoniert, um künftige Mitarbeiter zu finden. War Ihnen da schon klar, dass das wohl nichts werden wird?
Köllner: Entsprechend war meine Präsentation vor den Klubverantwortlichen nicht ideal. Ich hätte die Fakten besser aufbereiten müssen. Einen großen Schaden habe ich nicht genommen, meine Frau hat mit Wales ohnehin stark gefremdelt. (lacht) Mich hat es sportlich schon unheimlich gereizt, es wäre bestimmt eine super Erfahrung gewesen. Ich habe aber auch gemerkt, dass ich zuvor noch nie so intensiv mit Vereinen verhandelt hatte. Das Drumherum bei einem internationalen Klub, die Zielsetzungen und Erwartungshaltung, das war schon etwas anderes, das kannte ich so noch nicht. Ich habe daraus gewiss gelernt, das Gespräch mit dem Klub wird mir immer helfen.

Seit Sie bei 1860 sind, haben sich noch nie persönlich mit Investor Hasan Ismaik treffen können - dem Mann, der bei Sechzig für finanzielle Stabilität, aber auch reichlich Chaos verantwortlich war. Stimmen Sie zu, wenn man das als zumindest sehr ungewöhnlich bezeichnet?
Köllner: Von außen kann das sicherlich ungewöhnlich wirken. Es war bei meiner Verpflichtung keine Voraussetzung von Vereinsseite, dass wir beide uns treffen.

Ist das erste Treffen aber zumindest zeitlich absehbar?
Köllner: Davon gehe ich aus, auch wenn derzeit nichts konkret geplant ist. Dass das noch aussteht, ist zu Großteilen ja der Pandemie und den entsprechenden Reiseverboten geschuldet.

Trotzdem hat Ihnen Ismaik nach dem Tod Ihres Vaters zu Jahresbeginn einen persönlichen Brief geschrieben.
Köllner: Das hatte ich überhaupt nicht erwartet, zumal wir uns ja noch nicht persönlich kennengelernt haben. Er war sehr gefühlvoll geschrieben und keine in Anführungszeichen „normale“ Beileidskarte. Diesen Brief werde ich niemals wegwerfen.

Wie sieht denn der Kontakt zu Ismaiks Bruder und Aufsichtsrat Yahya aus?
Köllner: Er war zum Ende der vergangenen Saison hier. Das war ein sehr entspanntes Treffen und Kennenlernen. Er wollte meine Einschätzung hören, wie es bis jetzt gelaufen ist und wie es weitergehen soll. Das war gut, denn mir war wichtig, meine Vorstellungen zu äußern und den Ist-Zustand zu bewerten. Es ging aber nicht in die Richtung: Herr Ismaik, dies und dies möchte und brauche ich unbedingt! Ich übe keinen Druck aus, sondern begegne den Themen mit hohem Realismus. Ich empfehle die Dinge auch immer so, als ob ich mein eigenes Geld dafür ausgeben müsste.

Apropos Schlussphase der Vorsaison: Zu dieser Zeit sind Ihre Gespräche mit Austria Wien öffentlich geworden. Sie meinten, die seien auch interessant gewesen. Was genau war interessant?
Köllner: Das behalte ich für mich. Ich bin damit intern immer transparent umgegangen. Der Verein wurde von mir vorab in Kenntnis gesetzt, bevor das Thema dann leider öffentlich wurde. Ich wollte mir das einfach einmal anhören, Punkt Aus. Das heißt aber nicht, dass ich hier wegwollte oder wegwill. In meiner Wahrnehmung hat diese Sache innerhalb des Klubs auch kein Erdbeben ausgelöst.

Auch wenn es in der laufenden Saison noch nicht so läuft wie gewünscht: Sie sind bald rekordverdächtige zwei Jahre bei 1860, scheiterten im Vorjahr nur knapp am Aufstieg und wurden zum Trainer der Saison gewählt. Dazu sind Sie bei den Fans und im Umfeld beliebt. Ist das nicht die Konstellation, die sich die Trainer immer wünschen?
Köllner: Natürlich, sonst wäre ich ja nicht hiergeblieben. Ich weiß, welches Standing ich mir hier glücklicherweise erarbeiten konnte. Man muss im Profifußball trotzdem immer realistisch bleiben: Man wird stets knallhart an Ergebnissen gemessen, man muss sich immer wieder neu beweisen, das ist völlig frei von Gefühlen. Gerade wenn man einmal entlassen wurde, lernt man das Ausmaß dieser Seite des Geschäfts deutlich kennen und muss sich dem auch stellen. Daher ist man gewissermaßen auch gezwungen, immer aufs Neue zu schauen und zu bewerten, was für einen selbst das Beste ist oder sein könnte.

Durch das Duo Gorenzel/Köllner ist im Verein eine lange nicht dagewesene Ruhe eingekehrt. Wenn man sich an das Bild von 1860 aus den Vorjahren erinnert, müsste man das als die eigentliche Sensation bezeichnen, oder nicht?
Köllner: Das ist mir letztlich viel zu einfach. Ich kann das auch nicht richtig beurteilen. Was ich tue ist, meinen Job so gut wie möglich zu erledigen und mich auf meine Kernaufgabe zu konzentrieren. Das tun auch viele andere hier. Ich habe den Verein noch nicht einmal als Chaos-Klub erlebt, nicht einen Tag. Hier herrscht eine gute Diskussions- und Streitkultur, die uns weiterbringt und dabei hilft, trotz gelegentlicher Meinungsunterschiede auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. So muss ein Verein funktionieren.

1860 stellte in der vergangenen Saison nicht nur den Trainer, sondern auch den Spieler des Jahres - Sascha Mölders. Gehört er zu den speziellsten Spielern, die Sie je trainierten?
Köllner: Er ist schon ein außergewöhnlicher Mensch. Jemanden wie ihn in dieser Ausprägung hatte ich noch nicht so oft in meinen Teams. Ich würde ihn als einen der letzten Typen im Fußball bezeichnen, nach denen man sich ja so oft sehnt. Seine Besonderheit ist, dass er sehr spät in den Profifußball gekommen ist und zuvor ganz normal gearbeitet hat. Er hat sich regelrecht hoch gedient.

Mölders hat dank seiner Tore und seines Lebenswandels - Stichwort Pizza und Weißbier nach Spielen - längst Kultstatus erreicht. Wie denken Sie darüber?
Köllner: Man muss als Trainer verstehen, ihn nicht nur taktisch richtig einzubinden. Das betrifft auch die Trainings- und Belastungssteuerung. Als ich hier ankam, war er 35 Jahre alt. Was soll ich ihn also noch davon überzeugen, dass Weißbier und Wurstsemmel nach dem Spiel nicht das Sinnvollste sind oder ihn gar davon abhalten? Er kommt mit dieser Art der Lebensführung gut zurecht und am Ende geht es mir vor allem um seine Leistung.

Sie sind gläubiger Christ und gelten als sehr reflektierter Mensch. Was würden Sie sagen, wo stehen Sie derzeit in Ihrem Leben?
Köllner: Wenn ich mich im Spiegel genau anschaue, muss ich aufpassen, nicht zu sehr enttäuscht zu sein: diese ganzen Altersflecken, Falten und grauen Haare. (lacht) Abgesehen davon bin ich mit mir schon sehr im Reinen. Ich habe in der Zeit ohne Job auch beispielsweise ein paar alte Fehden beigelegt und reinen Tisch gemacht. Ich wollte einige Themen für mich abschließen. Darüber hinaus sehe ich in mir als Mensch weiterhin großes Entwicklungspotential und haben den Willen, Dinge besser zu machen.

Haben Sie durch Ihre Zwangspause als Trainer Ihren Beruf, jetzt wo Sie ihn wieder ausüben, mehr schätzen gelernt?
Köllner: Ja. Ich finde es unheimlich wertvoll, mit Menschen zusammenarbeiten, die 20 bis 30 Jahre jünger sind als ich. Das hält mich selbst jung. Es ist eine Aufgabe, die für mich weit über den Fußball hinausgeht, weil ich Menschen zu einem entscheidenden Zeitpunkt ihres Lebens auf ihrem Weg begleiten darf. Daher habe ich auch keinen Karriereplan als Trainer. Ich muss nicht Deutscher Meister werden oder in der Champions League trainieren. Wenn ich später einmal einen meiner Spieler von früher treffe und er mir sagt, dass ich ihm auch abgesehen vom Fußballerischen gutgetan habe, dann habe ich mein Ziel erreicht.

Lassen Sie uns über dieses "später" sprechen: Sie wollen nach dem Fußball unter anderem in spirituelle Länder wie Tibet, Burma oder Bhutan reisen. Was schwebt Ihnen da genau vor?
Köllner: Der Einblick in das dortige Leben wäre mir wirklich wichtig. Ich glaube, dass er vieles relativieren und dabei helfen wird, sich selbst zu hinterfragen. Verglichen mit solchen Ländern leben wir doch in Saus und Braus. Hunger, Armut, wie geht es am nächsten Tag überhaupt weiter - solche existenziellen Themen kennen wir kaum. Ich glaube dennoch, dass die Menschen dort eine größere Zufriedenheit und Glückseligkeit in ihrem Leben haben als viele von uns. Das würde ich gerne erfahren, mit ihnen würde ich gerne einmal zusammenkommen.

Haben Sie auf Ihren bisherigen Reisen schon einmal ähnliche Erfahrungen gemacht?
Köllner: Ja, immer mal wieder. Wenn ich unterwegs bin, besuche ich meist den Sonntagsgottesdienst. Da komme ich für mich auf eine andere gedankliche Ebene. Ich erinnere mich, wie ich als junger Kerl in Mexiko mit einem Taxi zu einer Kirche in einem Wohngebiet gefahren bin. Wenn man dann die Straßenverhältnisse oder allgemein die Infrastruktur sieht und unter welchen Umständen die Leute dort leben müssen - aber in der Kirche erschienen sie mir alle unheimlich glücklich. Das finde ich total bewundernswert. Ich würde aber auch gerne einmal den Jakobsweg gehen und dabei ganz bei mir bleiben wollen.

Wie sieht es bei Ihnen denn während der Saison in Deutschland mit Besuchen bei Gottesdiensten aus, geht das terminlich überhaupt?
Köllner: Wenn Rainer Maria Schießler zum Gottesdienst ruft, bin ich meistens schon dabei. Er ist mein Lieblingspfarrer in München. Ansonsten bin ich jedoch nicht oft anwesend. Das hat keine religiösen Gründe, sondern ich bin mit der Institution katholische Kirche nicht in allen Fragen einverstanden. In Deutschland sind Gottesdienste auch relativ stark vereinheitlicht. Im Ausland ist das häufig eine völlig andere Erfahrung, weil dort der katholische Glaube anders gelebt wird als hier.

Quelle: spox.com
29. Oktober 2021
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