Wie Michael Köllner Spieler entwickelt

Der Ex-Club-Trainer hat trotz seiner Beurlaubung im Februar allerhand zu tun. Er fühlt sich bereit für einen neuen Job. Ein Gespräch über die Förderung von Fußballern.

Am letzten Wochenende standen Besuche bei Spielen von Borussia Dortmund, KFC Uerdingen, Bayer Leverkusen, Alemannia Aachen, Borussia Mönchengladbach, Schalke 04, Rot-Weiss Essen und 1.FC Köln U23 auf dem Programm. Traditionsvereine mit großem Fanpotenzial faszinieren ihn. Michael Köllner schaut sich derzeit in vielen Stadien um, pflegt sein Netzwerk. Er ist immer wieder Gast bei Veranstaltungen, hält Vorträge an Universitäten und arbeitet an seinem nächsten Buch. Langweilig ist es  ihm in dem halben Jahr seit seiner Beurlaubung beim 1. FC Nürnberg nicht geworden – dafür ist er auch nicht der Typ.

Der 49-Jährige nahm sich allerdings Zeit dafür, die drei Jahre beim Club Revue passieren zu lassen und mit Begleitung eines Coaches aufzuarbeiten: den überraschenden Schritt im März 2017 vom Leiter des Nachwuchsleistungszentrums zum Trainer der Profis, den Aufschwung der Mannschaft mit dem Aufstieg in die Bundesliga, den Rauswurf Anfang Februar. Der ist nicht einfach zu verarbeiten gewesen, schließlich war es erst der zweite in seiner Trainer-Laufbahn. Mittlerweile fühlt er sich bereit für einen neuen Job, wirkt frisch und tatendurstig, wenn man ihm in seinem Heim im Nürnberger Osten gegenüber sitzt. Der Vertrag beim FCN ist ganz normal zum 30. Juni ausgelaufen. Fast hätte ihn der englischen Zweitligisten FC Swansea verpflichtet, er war unter den letzten Kandidaten.

Das Thema das Interviews liegt nahe, wenn man sich mit dem Trainer Michael Köllner beschäftigt: die Entwicklung von Spielern, die seine berufliche Laufbahn wie ein roter Faden prägt. Auch rückblickend findet er es noch schade, dass sein Konzept dafür beim Club von der Tagesaktualität über den Haufen geworfen worden ist und der Aufsichtsrat im Februar die Notbremse zog, obwohl kein Geld für Verstärkungen vorhanden gewesen war. Eine krisenfeste Stellung wie ein Christian Streich in Freiburg, die hätte sich Köllner gewünscht. Aber, wie örtliche Journalisten immer sagen, Nürnberg ist nun mal nicht Freiburg.

Frage: Herr Köllner, im internationalen Fußball ist immer mehr Geld unterwegs. An dreistellige Millionensummen für Spieler hat man sich fast schon gewöhnt. In Deutschland verhindern die Regeln noch, dass sich Investoren einen Klub kaufen. Viele Profivereine hierzulande müssen jeden Euro zwei Mal umdrehen, Sie haben das beim 1. FC Nürnberg selbst erlebt. Was tun?
Michael Köllner: Besser leben kannst Du als Verein nur, wenn Du Spieler entwickelst, ihren Wert steigerst und sie dann ihren nächsten Schritt gehen – bei einem anderen Verein. Das ist eine der zentralen Aufgaben, die ich für mich als Trainer sehe. Viele Vereine sind schon jetzt stark darauf angewiesen, dass der Output am Ende größer ist als der Input. Spielerentwicklung ist ein Thema, das in den nächsten Jahren immer wichtiger werden wird, weil die Schere zwischen den großen und weniger großen Klubs immer weiter auseinander geht. Da braucht man kein Schild „Aus- und Weiterbildungsverein“ mehr umhängen.

Welche Facetten sehen Sie bei der Entwicklung eines Spielers?
Köllner: Einmal die Spielfähigkeit, zum anderen die menschliche Komponente. Am Platz siehst Du beides: Ob der Spieler den Vollspann beherrscht, und ob er den taktischen Ablauf auch intellektuell umsetzen kann. Außerdem musst Du Herz, Kopf und Psyche des Spielers stärken, damit er den Höhen und Tiefen des Spiels und einer Saison standhält.

Dazu kommt noch die öffentliche Reaktion auf sein Tun, mit der ein Profi umzugehen lernen muss.
Köllner: Darauf muss man sich vorbereiten. Die begleitenden Faktoren musst Du akzeptieren und mit ihnen umzugehen lernen, ändern kannst Du sie nicht. Die starke mediale Wahrnehmung im Fußball kann durchaus ein Vorteil sein, gerade in der Positionierung eines Spielers. Ein gutes Beispiel dafür ist Eduard Löwen. In Saarbrücken ist er mit den A-Junioren abgestiegen. In Nürnberg war er bereits in der U21, der zweiten Mannschaft des Clubs, mein Spieler; ich habe ihn dann mit hoch zu den Profis genommen und habe ihn auf vielen Positionen eingesetzt. Der Markt wusste damit, auch durch die mediale Begleitung, dass er ein Allrounder ist und viele Positionen spielen kann. Ein besonderes Merkmal für einen Spieler heutzutage. Und das war ein Puzzleteil, das mit zu seinem Wechsel zu Hertha BSC geführt hat.

In der vergangenen Saison hatte man aber fast den Eindruck, dass Sie den Glauben an Löwen etwas verloren hätten. Er war zwar auch verletzt, hat insgesamt bis zu Ihrer Ablösung aber wenig gespielt.
Köllner: Die Verletzungen waren schon wesentlich. Danach ist es in der 2. Bundesliga einfacher zurückzukommen, als in der ersten, die einfach ihre Tücken hat. Außerdem gibt es da so einen Spruch: Wenn dem Trainer ein Spieler egal ist, dann setzt er sich nicht mehr mit ihm auseinander. Mit „Edu“ war ich immer extrem kritisch, weil in ihm so ein großes Potenzial steckt. Einen Spieler zu entwickeln, heißt immer ein Stück weit auch, ihn extrem zu fordern. Löwen ist für acht Millionen Euro nach Berlin gegangen. Eine tolle neue Herausforderung für den Spieler auf der einen und ein sehr sehr lukrativer Transfer für den FCN auf der anderen Seite.

Für die Spielerentwicklung im Nachwuchsbereich sind in erster Linie die Leistungszentren der Profivereine verantwortlich. Läuft da aus Ihrer Sicht alles richtig?
Köllner: Viele Vereine sehen ihr Nachwuchsleistungszentrum als reine Selektionseinheit. Sie holen Spieler und schicken sie wieder weg, die Kaderveränderung ist in jedem Jahr ziemlich groß. Das schwächt den deutschen Fußball momentan ein Stück weit. Denn für manche Spieler ist dieser starke Druck nicht förderlich. Die Mehrzahl braucht Vertrauen und Ruhe, sich zu entwickeln. Auch ein Edu Löwen hat in manchen Spielen der zweiten Liga nicht ohne Fehler agiert. Aber du musst es in die Relation bringen und Fehler zulassen. Wenn das sogar im Profibereich gelingt, muss es im NLZ umso einfacher möglich sein. Aber manche NLZ-Trainer legen den primären Fokus auf ihre eigene Karriere und siedeln den sportlichen Erfolg ganz oben an. Das ist das größte Problem. Durch die starke Selektion gibt es im Nachwuchsbereich in Deutschland einen extremen Spielertourismus. Wenn ein 20-Jähriger schon das vierte oder fünfte Leistungszentrum hinter sich hat, frage ich mich, wie das funktionieren soll? Jeder Vereinswechsel kostet Kraft und eine Menge Zeit der Integration. Und am Ende kommen im Profibereich nur die Jugendlichen mit der größten Widerstandskraft an.

Bedeutet das auch, dass relativ viele Talente durch den Rost fallen, die man mit mehr Geduld nach oben hätte führen können?
Köllner: Das lässt sich schwer belegen. Aber wenn man Statistiken glauben darf, dann entwickeln sich Talente am besten, wenn sie lange in einem gewohnten Umfeld bleiben, das sie ernst nimmt und ihnen Vertrauen schenkt. Letztlich sollte der einzelne Nachwuchsspieler im Vordergrund stehen und nicht der sportliche Erfolg der Mannschaft. Mal ehrlich, wer interessiert sich nach ein paar Jahren noch dafür, ob eine U17 Fünfter, Achter oder Zehnter geworden ist? Erfolg ist wichtig im Leistungssport, aber man muss die Parameter in den verschiedenen Altersstufen richtig setzen. Wichtig ist es auch, den Jugendlichen eine Handlungs- und Entscheidungskompetenz zu vermitteln. Das geht am besten, wenn der Trainer auch mal nichts sagt.

Ab welchem Alter macht aus Ihrer Sicht eine Sichtung für Profivereine Sinn?
Köllner: Das ist eine ganz schwierige Frage. Die Antwort hängt von der Philosophie des Vereins ab. Es gibt Klubs, die für sich bewertet haben, dass die Amateurvereine in ihrer Region nicht in dem Maße ausbilden wie sie sich das vorstellen. Daher versuchen sie, Spieler schon früh an sich zu binden. Und es gibt andere Vereine, die sagen, es reicht, wenn die Kinder im Alter von zwölf, 13 Jahren zu ihnen wechseln. Aus meiner Sicht sollte man immer berücksichtigen, ob das familiäre Umfeld intakt und eine maximale schulische Ausbildung zu Hause möglich ist. Wenn das gegeben ist, sollte man einen Wechsel nicht zu früh vornehmen. In Ballungsgebieten ist er auch ohne allzu große Veränderungen möglich. Im ländlichen Raum führt der alternative Weg über die DFB-Stützpunkte und „mittlere“ Vereine, die schon ein qualitativ gutes Training anbieten, das sich von dem der Leistungszentren in diesem Altersbereich nicht allzu sehr unterscheidet. So hat man die Chance, eine gute Förderung zu erhalten. Und vielleicht sogar später Profi zu werden.

Letztlich ist es aber doch ein Nadelöhr, durch das man hindurch muss, um den Sprung zum Profi zu schaffen.
Köllner: Ja, das muss man sich immer vor Augen halten. In Deutschland betreiben so viele Vereine Fußball, dass es aufgrund der immens hohen Zahl an Fußballern schwer für einen Spieler ist, an die Spitze zu kommen. Bei dem Bestreben, das zu erreichen, darf nicht zu viel auf der Strecke bleiben. Entscheidend und auch Glückssache ist, dass der Spieler auf einen guten Trainer trifft. Wenn der Jugendliche das Gefühl hat, die Leute setzen bedingungslos auf mich, und wenn er dann noch ein bisschen Talent hat, dann kann es klappen.

Sie haben beim Club versucht, die Profis auch auf andere Art und Weise mitzunehmen. Sie haben ihnen Bücher gegeben, Sie haben mit ihnen Kirchen besichtigt. Kam das gut an und werden Sie das bei Ihrer nächsten Station genauso halten?
Köllner: Man muss das immer auf die Situation abstimmen. Es ist nicht so, dass ich meinen Rezeptkasten dabei habe. Man muss das gut takten, zu welchem Zeitpunkt und in welcher Intensität bringe ich den Spielern Dinge nahe. Wenn man eine ganzheitliche Ausbildung haben will, muss man sich auch mit dem Herz und dem Kopf der Spieler beschäftigen. Wenn du das aber machst als Trainer, dann ist es ein 24-Stunden-Job. Dann passiert es durchaus mal, dass Spieler dich nachts anrufen, weil sie ein Problem haben. Du bist dann eine Vertrauensperson, deine Meinung ist wichtig für sie.

Was sind die Grundlagen, um die Spieler wirklich zu erreichen?
Köllner: Zwei Komponenten sind entscheidend: Zum einen geht es darum, sehr detailliert und individuell mit jedem Einzelnen zu arbeiten, denn eine Mannschaft besteht aus ganz vielen unterschiedlichen Charakteren. Zum anderen muss man sich mit dem Herzen der Sache verschreiben, denn wenn man aus dem Herzen heraus handelt, liegt man auf der zwischenmenschlichen Ebene selten falsch. So ist man als Trainer einfach rund um die Uhr ansprechbar, greift seinen Spielern in verschiedenen Lebenslagen unter die Arme und versucht, die Dinge mit ihrem Umfeld gut abzustimmen. Es geht darum, den Spieler auf unterschiedlichen Ebenen abzuholen und sich eng mit ihm auszutauschen.

Und welche Intention steckt dahinter, wenn Sie mit der Mannschaft ein Kloster besichtigen, oder ihr aus einem Buch vorlesen?
Köllner: Es geht letztlich darum, Kraftquellen zu finden, die die Grundlage für eine größere Leistung bilden. Da ist der Glaube sicherlich eine Möglichkeit, aber auch Meditation oder ganz andere Wege. Insgesamt ist es wichtig, ein gutes Bewusstsein dafür zu entwickeln, dem Team auf intellektueller Ebene einen Mehrwert zu liefern. Spieler haben genauso wie die meisten Menschen viele Fragen an ihr Leben, die völlig losgelöst vom Fußball sind: Warum bin ich hier auf der Erde? Was ist meine Aufgabe in meinem Leben? Wer bin ich? Auf diese Fragen suchen sie Antworten. Daher ist es wichtig, ihnen den nötigen Input zu geben - aber nur in dem Maße, wie es der Spieler möchte und zulässt. Es geht nicht darum, ihm etwas aufzudrängen, sondern ein Gespür dafür zu entwickeln, was interessant sein könnte. Es gibt somit ganz, ganz viele Bereiche, mit denen sich Spieler auseinandersetzen. Und den ganzheitlichen Ansatz erreicht man dann, wenn man sagen kann: Ich habe nicht nur die Füße geschult, sondern den Kopf und am Ende auch das Herz. Dadurch hat er sich als Mensch weiterentwickelt, nicht nur als Spieler.

Sie kommen aus der Jugendarbeit, haben jetzt im Profibereich trainiert und dort wollen Sie sicher auch bleiben?
Köllner: Die Station in Nürnberg war sehr erfolgreich für mich, nicht zuletzt deshalb fühle ich mich im Profifußball wohl. Ich bin aber nicht festgelegt. Ich habe in der Vergangenheit schon mit zahlreichen Altersstufen und auf unterschiedlichen Positionen gearbeitet, dementsprechend kann ich mir auch für die Zukunft viele Jobs vorstellen. Aber auf dem Platz zu stehen, macht schon eine Menge Spaß. Für mich ist wichtig, dass ein künftiger Verein eine bestimmte Richtung für sich definiert hat. Es muss für beide Seiten passen. Noch einmal: Wenn man den Trend sieht, der sich aktuell im Fußball abzeichnet, dann ist die Entwicklung von Kadern und von Spielern sehr wichtig. Das hat nicht unbedingt mit jungen Spielern etwas zu tun. In Nürnberg haben viele Spieler unter meiner Leitung die Bestform ihrer bisherigen Laufbahn erreicht: Valentini, Behrens und Margreitter aus dem älteren Segment, Leibold und Ishak eine Altersstufe drunter, aber auch junge Spieler wie Löwen und Mühl. Entwicklung von Spielern ist keine Altersfrage.

Quelle: mainpost.de
17. August 2019
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