„Wir stehen nicht über allem“

Michael Köllner aus Fuchsmühl, Trainer des Fußball-Drittligisten TSV 1860 München, ist ein sehr gläubiger Mensch. Im Exklusiv-Interview mit unserer Zeitung macht er sich so seine Gedanken über die Corona-Pandemie. Und er hofft, dass die Saison sportlich zu Ende geführt werden kann – notfalls auch mit Geisterspielen.

Herr Köllner, die wichtigste Frage gleich vorneweg: Wie geht es Ihnen?  Sind alle gesund in der Familie und bei den Münchner Löwen?

Wir sind alle fit und wohlauf. Im Verein haben wir schon frühzeitig Präventivmaßnahmen eingeleitet, so wie wir das auch tun, wenn eine Grippewelle im Anflug ist. Das heißt, wir geben uns nicht mehr die Hände, waschen sie häufig und auch in der Kabine wurde auf entsprechende Desinfektionsmaßnahmen großer Wert gelegt. Wenn ich lese, was in meiner Heimat im Landkreis Tirschenreuth und auch im Landkreis Wunsiedel los ist, setzt mir das schon zu. In meinem unmittelbaren Umfeld hatte zum Glück noch niemand Berührung mit dem Coronavirus.



Wo erwischen wir Sie gerade am Telefon?

Ich lebe momentan noch in Nürnberg, und das noch bis Ende April. Dann geht es nach München.



Das heißt, Sie sind bislang ständig zwischen Nürnberg und München gependelt?

Nein. Ich habe in München am Anfang im Hotel gelebt, danach in einem kleinen Appartement, das ich immer noch habe.  Aber Ende April beziehen wir unsere neue Wohnung in München.
 
Sie waren mit Ihrem neuen Verein, dem Drittligisten TSV 1860 München, so gut in Fahrt und wurden jetzt durch die Corona-Krise ausgebremst.
Ja, leider. Wir haben eine derart ungewisse Situation, wie wir sie bis jetzt noch nicht gekannt haben.  Im Vordergrund steht natürlich die Gesundheit. Es muss alles getan werden, damit wir das Virus schnell in den Griff bekommen.
 
Wie verbringt ein Trainer einer Profimannschaft, die nicht trainieren kann und darf, momentan den Tag?
Ganz gut. An der Grünwalder Straße in München findet derzeit keinerlei Trainingsbetrieb statt. Wir haben als Profiverein natürlich die Möglichkeit, unseren Spielern Trainingsmaterial und -empfehlungen mit nach Hause zu geben. So kann jeder individuell für sich arbeiten. Ich versuche, meine täglichen Routineabläufe entsprechend zu strukturieren. In erster Linie kümmere ich mich um meine Mannschaft. Da hat sich im Vergleich zum normalen Alltag nichts geändert. Nur die Art, wie wir trainieren und miteinander kommunizieren, ist sicher eine andere. Es ist aber auch klar, dass man sich in so einer Krise auch sportlich und beruflich so seine Gedanken macht. Wir als Trainer und Mannschaft müssen alles dafür tun, dass wir unseren Lauf fortsetzen können, wenn es wieder losgeht.



Wie halten Sie sich selbst fit?
Ich betreibe weiterhin Sport, freilich unter dem Gesichtspunkt, was in der momentanen Phase alles erlaubt ist. Ich gehe jeden Tag laufen, absolviere zusätzlich noch eine Fitnesseinheit. Das gibt mir Kraft und wirkt sich positiv auf meine Stimmung aus.



Wie kann ein Trainer momentan aus der Ferne auf seine Spieler einwirken?
Wir telefonieren häufig, kommunizieren über Whatsapp und nutzen auch verschiedene andere Apps. Ich führe mit jedem Spieler zwei Mal in der Woche ein längeres vertrauliches Telefonat, um auch persönliche Dinge zu erfahren. Einmal pro Tag sind wir per Video-Konferenz miteinander verbunden. Da kann ich die Spieler sehen, wie sie die Übungen absolvieren. Außerdem bekommt jeder von mir per Whatsapp eine Nachricht für den nächsten Tag. 


Wir wollen ja nicht indiskret sein, aber was steht in so einer – nennen wir es Tageslosung – drin?
Da steht ein bisschen was für den Geist und die Seele drin, auch ein paar inhaltsvolle Geschichten. Ich bin froh, dass es solche Möglichkeiten gibt, mit den Spielern zu kommunizieren.



Gibt es denn auch bei den Profis den ein oder anderen Spieler, der das Home-Training vielleicht nicht ganz so ernst nimmt und alles etwas lockerer angehen lässt?
Nein. Da ist mir nichts bekannt. Unsere Spieler haben einen guten Charakter. Sie halten sich an die Vorgaben, gehen laufen, bleiben, soweit das möglich ist, mit dem Ball im Garten oder der Wohnung fit. Und ich versuche dabei, ihnen die bestmögliche Unterstützung zu geben.


Wann rechnen Sie damit, wieder ins Mannschaftstraining einsteigen zu können?
Wir fokussieren uns nicht auf einen festen Termin. Momentan ist alles ungewiss, alles unklar. Ich bin völlig entspannt, warte darauf, bis es wieder losgeht. Bis dahin müssen wir mit täglichem Training zu Hause unseren Job machen. Würde ein Termin genannt, der dann nicht gehalten werden kann, fällst du automatisch in ein Loch hinein. Deshalb schauen wir von Tag zu Tag. Wir arbeiten momentan viel in der Grundlagenausdauer, versuchen aber in den nächsten Tagen leicht hochzufahren mit ein bisschen mehr Intensität. 



Sie sind bekanntlich ein sehr gläubiger Mensch. Geht man da mit so einer Krise anders um?
Ja natürlich. Ich nehme mir aktuell die Zeit, viel zu reflektieren. Wenn man genauer hinschaut, muss man doch feststellen, dass wir mit unserer Erde nicht vernünftig umgegangen sind. Wir glauben, alles zu wissen und über alles zu herrschen. Die aktuelle Krise führt uns deutlich vor Augen, dass dem nicht so ist. Denn wir wissen nicht, wie wir das Virus in den Griff bekommen, geschweige denn, wie wir es im Vorfeld hätten verhindern können. Wir stehen nicht über allem. Werte sind für uns alle fast schon ein Fremdwort. Und diese Pandemie zeigt uns auch, dass am Ende doch alle Menschen gleich sind. Ich hoffe, dass der eine oder andere die Zeichen erkennt.  Allerdings glaube ich auch, dass, wenn die Krise erst vorbei ist, nach ein paar Wochen alles wieder seine Normalität einnehmen wird.



Zurück zum Sportlichen. Seit Sie an der Grünwalder Straße Trainer sind, geht es mit den Löwen wieder steil bergauf. Sie haben nur zwei Punkte Rückstand auf den Zweiten Waldhof Mannheim und fünf Zähler auf Tabellenführer Duisburg. Eine Genugtuung für Sie – gerade nach der Entlassung in Nürnberg?
Genugtuung eher weniger. In Nürnberg habe ich mit dem Aufstieg einen Riesenerfolg feiern dürfen. Aktuell in der Corona-Krise kann der Club von diesem Aufstieg noch zehren. Wir haben in Nürnberg eine finanzielle Basis geschaffen, die den Verein in den nächsten Jahren positiv in die Zukunft blicken lässt und auch dafür sorgt, dass jetzt in Zeiten der Krise keine Untergangsstimmung herrscht. Bei 1860 freuen wir uns natürlich über die Entwicklung. Die haben wir uns hart erarbeitet. Wir tun jeden Tag alles dafür, dass wir erfolgreich sind, haben uns vom hinteren ins vordere Tabellendrittel vorgearbeitet. Natürlich hoffen wir, dass der Weg noch nicht zu Ende ist.



Sie haben jetzt mit den Löwen zwölf Punktspiele als Trainer absolviert – und keines davon verloren. Eine ansehnliche Bilanz.
Wir sind die Mannschaft, die am längsten im Profibereich ungeschlagen ist. Von daher sind wir sehr zufrieden. Ob es nun zehn, zwölf oder 14 Spiele sind, die wir ungeschlagen sind, ist für mich eher eine Randnotiz. Für mich ist vielmehr entscheidend, wie sich die Mannschaft entwickelt. Unserem Ziel, eine sorgenfreie Saison zu spielen, sind wir ein großes Stück nähergekommen. Klar ist auch, dass wir das Maximum aus der Saison rausholen wollen. Deshalb hoffen wir, dass es irgendwann mal wieder weitergeht. Und auf diesen Tag X bereiten wir uns perfekt vor.


Heißt dieses Maximum Aufstieg die die zweite Liga?
Das wird sich zeigen. Wir stehen momentan auf Platz sechs. Da sind wir sehr froh darüber. Ich möchte mir es erst gar nicht ausmalen, wenn wir auf Platz 14 oder 15 stehen würden und hätten jetzt diese Zwangspause. Das wäre für den Kopf eine ganz schwierige Situation. Unsere positive Phase tut dem Verein richtig gut. Wir spüren auf allen Ebenen Rückenwind und schauen, was maximal möglich ist. Für insgesamt neun oder zehn Mannschaften sind die ersten drei Plätze rechnerisch im Bereich des Möglichen. Wir geben jedenfalls unser Bestes und schauen, wofür es am Ende reicht.



Wenn Sie den Club und 1860 von der Struktur der Vereine her vergleichen - was ist bei den Löwen anders?
Die Entscheidung, zu den Münchner Löwen zu gehen, war für mich nicht sonderlich schwer. Zum einen konnte ich in Bayern bleiben. Das war kein ausschlaggebendes Kriterium bei der Jobwahl, aber ein schöner Nebeneffekt, weil ich ja doch öfter mal nach Hause in meine alte Heimat Fuchsmühl fahre. Zum anderen sind Nürnberg und München Städte mit hoher Lebensqualität. Zu Ihrer Frage: Zwischen beiden Vereinen gibt es schon Parallelen, vor allem, was die Fankultur anbelangt.  Ich habe die Fans beim Club geliebt, so wie sie uns Woche für Woche angefeuert haben. Und ich genieße die Unterstützung der Löwen-Fans jetzt in München. Das Grünwalder Stadion ist bei jedem Heimspiel ausverkauft. Das ist einfach gigantisch.



Die dritte Liga pausiert bis zum 30. April. Gehen Sie davon aus, dass danach die Saison fortgesetzt wird?
Ich hoffe es. Fußball ist Sport. Und Sport gehört sich auf dem Spielfeld ausgetragen. Deshalb wünsche ich mir, dass die Saison zu Ende geführt wird und nicht am Ende womöglich der Rechenschieber herausgeholt werden muss. Das wünsche ich mir im Übrigen für alle Sportarten, nicht nur für den Fußball.



Anders wohl als Bundesliga und zweite Liga ist die dritte Liga viel mehr auf Zuschauereinnahmen angewiesen. Halten Sie auch in der dritten Liga Geisterspiele für möglich?
Die Bundesliga und die zweite Liga unterstehen bekanntlich der DFL, die dritte Liga dem DFB. Ich denke, alle Vereine sind auf Zuschauereinnahmen angewiesen, die einen vielleicht ein bisschen mehr, die anderen etwas weniger. Mit Spielen ohne Zuschauer im Stadion könnte man das Ganze zumindest sportlich fair zu Ende bringen. Es müssen jedenfalls saubere wirtschaftliche Lösungen gefunden werden, die es erlauben, dass die Krise für alle noch ein gutes Ende nimmt.



Wenn es nicht weitergehen sollte, wäre das für einen Verein wie 1860 München besonders bitter?
Das würde natürlich wehtun. Wir haben einen Riesenlauf, sind seit Oktober ungeschlagen. Aber sollte es so kommen, können wir es nicht ändern. Die Gesundheit geht vor. Ich denke aber schon, dass die Gremien bei der DFL und beim DFB alles tun werden, damit es am Ende eine sportlich-faire Lösung gibt.



Wie könnte die aussehen?
Um dies zu beurteilen, bin ich zu weit weg. Klar: Ich als Trainer wünsche mir vorrangig, dass wir die Saison zu Ende spielen, und das hoffentlich dann auch mit einem sehr guten Ergebnis für die Löwen.



Der wirtschaftliche Schaden ist bei allen Vereinen derzeit relativ groß. Überall wird über Gehaltsverzicht debattiert. Üben auch die 1860-Spieler Verzicht?
Klar. Ich finde, dass dies in der jetzigen Situation eine Selbstverständlichkeit ist, finanziell alles zu tun, damit der Verein vorankommt. Die ganze Welt befindet sich im Ausnahmezustand. Da kommt es jetzt auf Solidarität, Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft an. Da müssen persönliche Interessen zurückgestellt werden. Das machen wir auch.



Das heißt, auch der Trainer verzichtet auf einen Teil seines Gehalts?
Natürlich, das ist doch keine Frage.



Wenn Sie abschließend noch einen Wunsch frei hätten, wie würde der aussehen?
Dass die Corona-Krise ein gutes Ende für uns alle nimmt und dass wir die eine oder andere Lehre aus der Krise ziehen.  
Das Gespräch führte Bernd Nürnberger

Quelle: Frankenpost
3. April 2020
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