Der Junge im Papierkorb

28.03.2018

Fürsorglich und zugänglich? Eigenwillig und besserwisserisch? Um zu verstehen, wie Nürnbergs erfolgreicher Trainer Michael Köllner wurde, wie er ist, muss man die Uhr um 30 oder 40 Jahre zurückdrehen.

Wenn man auf die Sportanlage des 1. FC Nürnberg kommt, sieht man linker Hand die "Stuhlfauth-Stuben". Der Torwart Heiner Stuhlfauth (1896 bis 1966) ist ein großer Sohn der Stadt, noch ist er größer als Markus Söder. Einen Steilpass von den Stuben entfernt führt die Hans-Kalb-Straße vorbei. Der Mittelläufer Hans Kalb (1899 bis 1945) ist auch eine Club-Legende, er war trinkfest und stimmgewaltig und soll am Ende seiner Karriere 25 Kilo Übergewicht gehabt haben. Für Sepp Herberger war er trotzdem "der beste deutsche Fußballer der 1920er Jahre". Außerdem war Kalb Zahnarzt. Der aktuelle Club-Trainer Michael Köllner war mal Zahnarzthelfer.

Köllner sitzt oben in der Geschäftsstelle in einem schweren, schwarzen Ledersessel und sagt, das Wissen um die Tradition seines Vereins sei für ihn "zwingend und selbstverständlich". Er lese Bücher über den 1. FC Nürnberg und gehe zu den Stammtischen der Meisterelf von 1968. Leupold, Popp, Strehl - diese Namen kennt er noch besser als Stuhlfauth oder Kalb. "Ich brauche das Gefühl, was einen Verein ausmacht - dazu gehört das Verständnis für seine Historie", sagt er. Von seinen Spielern verlangt er das auch.

Köllner ist ein Fußball-Verrückter, das schon. Aber der 48-Jährige, der vor den Club-Profis fast nur Jugendmannschaften trainiert hat (sehr lange jene des DFB), will seinen Jungs auch andere Horizonte eröffnen. "Bildung hat noch keinem geschadet", hat er mal gesagt. Im Trainingslager ging er mit ihnen ins Kloster, vor der Bundestagswahl diskutierte er über Politik, zuletzt legte er den Spielern das Mertesacker-Interview ins Fach; Per Mertesacker hatte offenherzig über Druck im Profifußball gesprochen, und darüber, dass er vor jedem Spiel Durchfall oder Brechreiz hatte.

Oder die Sache mit den Smartphones. Köllner bittet die Spieler schon mal, sie abzuschalten und stattdessen miteinander zu reden. "Die Spieler machen das dann auch und bleiben zum Beispiel beim Essen länger sitzen", sagt er, "das ist ein Nährboden für eine gute Gesprächskultur."

Michael Köllner, der seit einem Jahr Club-Trainer ist, wurde in Artikeln, die man im Archiv über ihn findet, als "fürsorglich" und "zugänglich" bezeichnet. Es gibt aber auch Artikel, in denen er als "kantig", "schwer zugänglich" oder "eigenwillig" beschrieben wird. Er sei ein "Besserwisser" und - das war wohl nicht nett gemeint - ein "Allesköllner".

Im Nachwuchszentrum musste er "auch Seilschaften zerschlagen" - das gefiel nicht allen

Um zu verstehen, wie Köllner wurde, wie er ist, muss man die Uhr um 30 oder 40 Jahre zurückdrehen und nach Fuchsmühl schauen, in einen kleinen Ort im Landkreis Tirschenreuth, Michael Köllners Heimat. "Meine Tante und meine Großeltern hatten dort eine Wirtschaft mit Metzgerei", erzählt er. "Es war die größte Wirtschaft am Ort und hier fand das kulturelle Leben statt - Maifeier, Kleintierzuchtausstellung, früher gab es sogar einen Kinosaal." Er selbst hat auch alles mitgenommen, was das Leben in einem Dorf von 1800 Einwohnern zu bieten hat: Ministrant, Schützenverein - und, klar, Fußballklub. Und er sagt, er sei ein Lausbub gewesen, der "bei jedem Mist in der ersten Reihe stand".

Sein Leben veränderte sich, als er zehn Jahre alt wurde. Er ging ins Klosterinternat nach Weiden, 30 Kilometer von Fuchsmühl entfernt. Er selbst wollte das. "Dort hatten sie eine riesige Fußballhalle, so etwas gab es auf dem Dorf nicht - ich dachte, da könnte ich jeden Tag Fußball spielen." Der Vater sagte, wenn der Junge diese Entscheidung treffe, sei sie unumstößlich.

Michael Köllner hat eine halbe Stunde ohne Pause geredet, mit großer Begeisterung von der Tradition des 1. FC Nürnberg und mit noch größerer von Fuchsmühl. Er ist ein Extrovertierter, ein Erzähl-Mensch, und er hat dabei immer gelächelt. Doch nun wirkt er für einen Moment nachdenklich. Die Internatszeit war nicht toll. Er wollte öfter raus, aber der Vater, ein Lokomotivführer, ließ es nicht zu. "Er erinnerte mich immer an den Satz, den er gesagt hatte: dass die Entscheidung unumstößlich sei."

Der Zehnjährige musste im Internat mit 20 Jungs in einem Zimmer schlafen, jede Nacht habe "gefühlt einer geweint, weil er Heimweh hatte". Vor dem Bett stand ein Holzschemel, auf den man seine Kleidung ablegen konnte. Außerdem hatte Köllner einen Spind mit einer Nummer und auf dem Gang ein Waschbecken mit einer Nummer. "Da lief nur kaltes Wasser", sagt er, "und das war in den Achtzigerjahren und nicht 100 Jahre her."

Aber er lernte, in einer Gemeinschaft zu leben und sich zu behaupten. "Die Älteren hatten das Sagen, die Jüngeren nicht - und jeder wurde bestraft, wenn er mit dieser Rollenverteilung nicht einverstanden war." Da wurde er dann auf den hohen Spind gehoben und kam eine Stunde nicht herunter; oder er wurde in den Papierkorb gesetzt und kam erst mal nicht mehr heraus. Köllner kämpfte sich durch, und es könnte sein, dass ihn das noch furchtloser gemacht hat. Acht Jahre war er im Internat. "Das prägt, das erdet", sagt er. "Die Bundeswehr danach war ein Ferienlager."

Auch bei der Bundeswehr war er acht Jahre lang, und dort wurde er Arzthelfer.

Köllner schaut auf seine Uhr. Es ist zehn Minuten vor Zwölf. Er hat um zwölf Uhr einen Termin. Müsste man nicht noch, kurz wenigstens, über die sportliche Situation reden? Der 1. FC Nürnberg hat eine junge Mannschaft und ist überraschend Zweiter in der Zweiten Liga, zwei Punkte vor Holstein Kiel. Aber zuletzt hat der Club vier Mal nicht gewonnen.

Überall liest und hört er es: vier Mal - vier Mal hat der Club nicht gewonnen

"Vier Mal?", fragt Köllner und blickt in die Luft, als müsse er nachrechnen. Das ist sicher ein Witz. Er weiß es natürlich. Aber er mag so ein Vorrechnen nicht. Und es beunruhigt ihn nicht, dass sie vier Mal (überall liest und hört er es: vier Mal, vier Mal) nicht gewonnen haben. "Damit haben wir gerechnet", sagt er, "jeder außer Bayern München hat Phasen, in denen er stärker oder schwächer ist." Und ein Großteil der Fans sehe das auch so. "Ich glaube, sie sind super zufrieden damit, was im letzten Jahr passiert ist - wir haben eine junge Mannschaft, mit der man sich identifizieren kann, und wir spielen einen technisch hochwertigen Fußball." Bisher hat Köllner das Wort Aufstieg nicht in den Mund genommen. Jetzt, sieben Runden vor Schluss, will man den Platz doch halten?

"Natürlich", sagt er, "aber was ändert es, wenn ich es ausspreche, dass wir aufsteigen wollen?" Es könnte höchstens Druck erzeugen bei dem ein oder anderen Spieler. Also spricht er es nicht aus.

Es ist zwölf Uhr. Noch mal zurück zum Anfang. Zugänglich. Schwer zugänglich. Eigenwillig. Wie ist er nun?

"Ich bin alles", sagt Köllner und lacht wieder. Es ist ein breites Lachen. Er beantwortet diese Frage offenbar gerne, weil er erklären kann, warum er manchmal fürsorglich und manchmal eigenwillig ist. "Das ist wie in einer Familie", sagt er, "man zeigt alle Seiten, manchmal muss man weich sein, manchmal streng." Er musste im Nachwuchs-Leistungszentrum des FCN, dessen Leiter er immer noch ist, "auch Seilschaften zerschlagen", sagt Köllner. Das habe nicht allen gefallen, schon gar nicht den Betroffenen. "Es ist klar, dass die sich enttäuscht äußern - auch über und durch die Medien." Von wegen Allesköllner und so.

Ach ja, die Sache mit dem Zahnarzthelfer. Michael Köllner hat sie, natürlich, ausführlich erzählt. Die Kurzform geht so, dass ein Bundeswehr-Zahnarzt fragte, ob er bei ihm arbeiten wolle, er müsse sich aber länger verpflichten; und dann hat Köllner die Ausbildung gemacht und die Abschlussprüfung gemeinsam mit 300 Mädchen geschrieben (mal was anderes, im Internat war er mit 400 Buben). Michael Köllner war dann wohl der erste Zahnarzthelfer Bayerns. Auf der Urkunde hatten sie das "in" von Zahnarzthelferin einfach mit einem Filzstift durchgestrichen.

Quelle: sueddeutsche.de
28. März 2018

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