Ein Oberpfälzer formt Profis von morgen

28.05.2016

Michael Köllner leitet das Nachwuchsleistungszentrum des Club – MZ-Mitarbeiter Oliver Hepp sprach mit ihm über seine Ziele.

Nürnberg. Es gibt sicher Jobs mit weniger Verantwortung. Fußball-Lehrer Michael Köllner hat im März die Nachfolge von Rainer Zietsch als Leiter im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des 1. FC Nürnberg angetreten. Der 46-jährige Oberpfälzer aus Fuchsmühl (Landkreis Tirschenreuth) hat dabei erste Personalien bereits entschieden, holte die FCN-Legenden Dieter Nüssing (ins Scouting) und Reinhold Hintermaier (ins Trainerteam) zur Unterstützung zurück. Im Gespräch berichtet er über erste Veränderungen, seinen Alltag und den möglichen Weg vom Talent zum Profi – mit einem Oberpfälzer als Vorbild.

Herr Köllner, welche Ziele verfolgt das NLZ aus Ihrer Sicht?
Wir wollen im NLZ natürlich eine sehr gute Förderung ermöglichen. Der Club ist ein Bundesligaverein, der Nachwuchsspieler im Idealfall ausbildet und an den Lizenzspielerbereich heranführt. Ich persönlich denke, wir sollten darüber hinaus jungen Menschen vieles mitgeben, über das Fußballerische hinaus, in Sachen Charakterbildung und für das Leben.

Inwieweit können Sie denn Ihre Vorstellungen umsetzen, wie sehen Sie Ihre Gestaltungsmöglichkeiten?
Ich hoffe stark und vielfältig. Ich habe eine leitende Position, mir ist ja der komplette Nachwuchsbereich unterstellt.

Hat man – auch angesichts der schwierigen Situation in manchen Jugendteams und dem manchmal turbulenteren Vereinsleben – Angst vor so einer großen Aufgabe?
Die Emotion Angst kenne ich in diesem Zusammenhang nicht. Ich habe hier eine reizvolle Aufgabe. Klar sind wir mit ein paar aktuellen Entwicklungen nicht zufrieden, aber wir arbeiten daran, den Nachwuchs für den Club auf Kurs zu halten und zu bringen.

Wie sahen Ihre ersten Schritte auf diesem Weg bisher aus?
Ich kenne Nürnberg als Verein von meiner Tätigkeit beim DFB bereits ganz gut. Ich treffe also auf viele bekannte Dinge, Personen und Strukturen. Es ging und geht mir vor allem darum, ein Gefühl für die Menschen zu bekommen, die Mitarbeiter wie die Spieler gleichermaßen. Schließlich gilt es im Personalbereich Entscheidungen zu treffen und Strukturen zu verbessern umzubauen oder auch neu aufzubauen.

Das klingt nach einem hohen Berg an Arbeit. Schafft man das in 24 Stunden pro Tag?
(Lacht) Wenn es technisch möglich wäre, würde ich mir ein Tool besorgen, mit dem die Zeit dehnbar wäre. Aber ernsthaft, der Anfang muss so intensiv sein. Es geht um persönliche Sicherheiten, Verträge, wie man was wann plant. All diesen Fragen möchte ich natürlich versuchen, so schnell wie möglich gerecht zu werden.

Stichwort Planung: Wie sieht der Kontakt zur Profiabteilung aus? Zu Trainer René Weiler und den Verantwortlichen?
Wir tauschen uns so oft aus, wie es nur geht. Mit Sportvorstand Andreas Bornemann spreche ich täglich. Das ist auch gut so, wir müssen gemeinsame Entscheidungen treffen. Die Atmosphäre zwischen den Bereichen ist dadurch sehr positiv, fußballerisch gesehen und generell.

Können Sie uns Einblick in Ihre tägliche Arbeit geben? Wie hoch ist der Anteil zwischen Büro- und Trainingsarbeit?
Ich muss und will Präsenz zeigen, auf dem grünen Platz zählt es, da werden die Grundlagen gelegt. Ich habe genug Leute, an die ich die Organisation delegieren kann, die ihr Handwerk verstehen. Ich beobachte vor allem immer wieder einzelne Jahrgänge, um ein Gefühl für alle Mannschaften zu bekommen.

Kommen wir zu Ihrer Verbindung in die Oberpfalz, was bedeutet Ihnen persönlich die Region?
Das ist meine Heimat. Meine Herkunft, zu der stehe ich in allen Facetten, mit Dialekt und allem Drum und Dran.

Und für Ihre Arbeit im NLZ?
Da ist sie ein sehr wichtiges Einzugsgebiet, einfach überaus interessant für uns beim Club.

Wie sieht das konkret aus?
Nun, das hängt bei den Spielern vom Alter ab. Junge Akteure suchen wir hauptsächlich im näheren Umfeld, wir wollen schließlich keinen Autobahntourismus fördern. In späteren Altersstufen gibt es dann die Möglichkeit unserer Akademie. Und durch die gute Verkehrsanbindung ergeben sich da optimale Möglichkeiten.

Können Sie schildern wie ein Prozess läuft, wenn Sie ein Talent verpflichten wollen? Gibt es da eine Checkliste, die sie abhaken?
Das hängt von der Position und dem Alter ab. Wenn du ein Top-Talent beobachtest, musst du das nicht zu oft machen. Da sind wir abhängig von unseren Scouts und dem Netzwerk. Dann nehmen wir den Kontakt zum Spieler auf und versuchen, den Verein mit ins Boot zu holen.

Wie kommt der Spieler dann ans NLZ?
Es erfolgt eine Einladung, bei der wir den Spieler in allen Bereichen testen, medizinisch und technisch, in Sachen Athletik, mit der Lichtschranke, in Sachen Spritzigkeit. Im nächsten Schritt nimmt er als Gastspieler am Training teil. Es kommt natürlich auch darauf an, ob ein Platz im Kader der jeweiligen Altersstufe vorhanden ist.

Sie sprachen vorhin auch von der Charakterschulung.
Absolut, wir legen bei so einem neuen Kontakt viel Wert auf die Struktur des Charakters, das Umfeld und das Verhalten in der Gruppe.

Wo liegen in dem Prozess die Hürden?
Ich würde sagen, da gibt es zwei, drei Hürden. Einigen Spielern fehlt am Anfang die Fähigkeit, sich richtig einzuschätzen. Mut und Selbstbewusstsein. Traue ich mich, traue ich mir den Sprung wirklich zu. Und dann landen wir wieder bei der Oberpfalz.

Bitte?
Ja, der Menschenschlag ist dort eher vorsichtig, da würde mehr Mut schon gut tun. Die Jungs aus Großstädten sind forscher. Da kommen als zweiter Aspekt die Eltern mit hinzu, die fragen: Schafft er das? Leidet die Schule darunter? Und Nummer drei sind die Vereine – die sind zu Beginn natürlich nicht begeistert.

Aber am Beispiel Patrick Erras (lernte beim SV Raigering in Amberg das Fußballspielen, Anmerkung der Redaktion) hat man gesehen: Wenn es einer packt, ist der Verein stolz, Teil der Ausbildung gewesen zu sein. Wir versuchen mit intensiver Kommunikation, alle ins Boot zu holen.

Immer mit Erfolg?
Das muss man schon ehrlich sagen – mal gelingt es, manchmal aber eben auch nicht.

Apropos Patrick Erras.
Ja, Patrick ist zwar momentan leider verletzt (Kreuzbandriss, Anmerkung der Redaktion), aber er ist richtig eingeschlagen. Er ist das Sinnbild für die neue Ausrichtung, für den möglichen Weg in die Lizenzspielermannschaft. Wir sportlich Verantwortlichen werden in Zukunft alles dafür tun, dass das kein Einzelfall bleibt.

Wie viele Talente aus der Oberpfalz kicken denn bei Ihnen?
Zehn Jungs, aus dem Kreis Neumarkt derzeit sogar drei. Dario Macinkovic in der U12, Simon Hermann in der U13 und Andreas Knipfer, aus Woffenbach gekommen damals, als Rechtsverteidiger in der U19, schon seit 2009 ist er hier. Sich sieben Jahre hier durchzusetzen, zeigt Top-Qualität.

Quelle: mittelbayerische.de vom 28.05.2016
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