Es geht um die Art und Weise

20.08.2017

Michael Köllner hat als Cheftrainer des 1. FC Nürnberg erstmals eine komplette Vorbereitung mit seiner Mannschaft absolvieren und die Profis des 1. FCN für seine Version, Fußball spielen zu lassen sensibilisieren können. Für das Mitglieder Magazin fand der vielbeschäftigte Oberpfälzer einen ruhigen Moment, um sich über das zu unterhalten, was ihm wirklich wichtig ist: Über Fußball!

Herr Köllner, Sie haben die Mannschaft des 1. FC Nürnberg mitten in der Rückrunde der vergangenen Saison übernommen. Damals stand das Thema „Punkten“ sehr schnell im Vordergrund. Haben Sie sich zu diesem Zeitpunkt bereits konkrete Gedanken machen können, ob und wie die Mannschaft weiterzuentwickeln wäre?

Ja, dieser Vorgang hat bereits im letzten Jahr angefangen, unabhängig von allen offenen Personalien. In erster Linie wird der Kader natürlich durch den Vorstand Sport Herrn Andreas Bornemann, unabhängig vom Votum des Cheftrainers, geplant. Diese Grundgedanken erhalten dann einen Feinschliff in Zusammenarbeit mit dem Cheftrainer, dem Trainerteam und der Scouting-Abteilung. Ich habe die Mannschaft im März übernommen und mich recht frühzeitig mit der Teambesetzung für die kommende Saison beschäftigt.


Welche Idee stand vorrangig hinter Ihren Gedankenspielen? 

Wir wollten mehr Tempo in unser Spiel bringen, das war vorab die Basis. Und wir wollten die Mannschaft verjüngen, das war der folgende Gedanke. Jüngere Spieler bedeuten oft zwangsläufig ein höheres Tempo. Wir haben zudem darauf geachtet, Spieler zu finden, die variabel einsetzbar sind und gleichzeitig den Fans als Identifikationsfiguren dienen können.


Wie variabel muss heutzutage ein Spieler sein, der sich im Profifußball durchsetzen möchte? 

Das kommt zunächst auf den Trainer und dessen Spielidee an. Hält ein Coach an einem System fest, dann ist es sinnvoll, sich für die jeweiligen Positionen spezialisierte Fußballer zu suchen. Wir wollten hingegen Spieler finden, die je nach Gegner oder Tagesform auf unterschiedlichen Positionen einsetzbar sind. Ich bin froh, wenn mir solche Spieler zur Verfügung stehen, das empfinde ich als einen strategischen Vorteil gegenüber unseren Kontrahenten in der Liga.


Das heißt, sie wollen sich nicht auf ein bestimmtes Spielschema festlegen lassen?
Es heißt nicht immer 4-1-4-1 beim Club. Unser erstes Auswärtsspiel in Regensburg haben wir etwa in einem 4-3-2-1 begonnen. Von außen fällt es dem Betrachter nicht immer leicht, ein Spielsystem fest zu definieren. Beim Jahn wollten wir das Spiel vor allem ins Zentrum verlegen. Zwischenzeitlich hatten wir auf ein 4-4-2 umgestellt, so konnten wir nahezu umgehend in Führung gehen. Zum Ende hin haben wir mit einer Fünferkette in einem 5-3-2 agiert. Das muss unsere Stärke sein, rasch verschiedene Taktiken einsetzen zu können. Außerdem müssen die Spieler ihre taktischen Vorgaben genau kennen und auch umsetzen.


In der Wahrnehmung von außen ist in dieser Saison auch die Bank des Club breiter, ja stärker besetzt als noch in der Vorsaison.
Auch das ist eine indirekte Folge der Verjüngungskur, die wir uns auf die Fahne geschrieben hatten. Ausfallzeiten durch Verletzungen sind so doch geringer geworden und wir haben am Spieltag einen breiteren Kader zur Verfügung. Das wirkt sich dann auch positiv auf alle weiteren Bereiche aus, auf die Trainingseinheiten vor allem. Wir wollen es vermeiden, dass es noch einmal zu einer Situation kommt, in der uns ein gutes Dutzend Spieler verletzungsbedingt nicht zur Verfügung steht, wenn es um Punkte geht.

Die Fachwelt spricht unisono von einer sehr ausgeglichenen 2. Bundesliga 2017/18. Wie kann sich der Club in diesem Umfeld seinen Vorteil verschaffen?

Unsere Liga heuer einzuschätzen ist eine schwere Aufgabe. Es spielen sehr viele namhafte Vereine mit. Unser Auftaktprogramm spricht Bände. Kaiserslautern ist ein großer Name, dann folgte das Derby gegen den Jahn. Starke Mannschaften wie Union Berlin und der FC St. Pauli waren zu Hause unsere Gegner. Schon das erste Saisondrittel und klappt vor allem während eines Trainingslagers hervorragend, denn da ist der Kader komplett. Im Ligabetrieb sind wir als Trainer dann ja auf eine Gruppe von 18 Spielern limitiert. Am Ende ist jedes Training und jede Begegnung Teambuilding! Daher musst du als Trainer alles akribisch planen und gestalten – im Detail sogar jede Spielereinteilung bei jeder Übung oder Zimmerbelegungen in Hotels.


Welche Größenordnung besitzt der ideale Kader einer Fußballmannschaft?

Das ist ohne Kontext nicht zu beantworten. Wenn man einen Kader plant, dann muss man immer bedenken, dass Spieler auch kurzfristig ausfallen können. Beim Club haben wir zudem derzeit zwei Spieler, die sich erst zurückkämpfen müssen. Patrick Erras ist langsam wieder bereit, Dennis Lippert wird noch eine Weile fehlen. Das müssen wir bedenken. Im Umkehrschluss unser Programm in diesen Wochen hatte es in sich. Wir müssen immer wachsam bleiben und uns möglichst perfekt auf jeden Gegner vorbereiten. Am Ende werden sehr oft Details über den Ausgang eine Spiels entscheiden.


Jedes der 34 Saisonspiele besitzt Ihrer Meinung nach also Endspielcharakter?

Mit Sicherheit. Und so werden wir auch jedes Match angehen. Daher haben wir uns auch kein langfristiges Ziel gesetzt. Wir wollen, auch wenn ich jetzt das Klischee bedienen muss, von Spiel zu Spiel schauen.


Die Fans jeder Mannschaft lieben es während der Spielpause, über mögliche und sinnvolle Transfers zu spekulieren und in jede Personalie bestimmte Vorstellungen zu interpretieren. Was regt beim Thema Neuzugang ihre Fantasie an?

Die entscheidende Frage ist doch immer, wie eine Mannschaft verstärkt werden kann. Und wie man mit neuen Spielern Einfluss auf die Entstehung eines positiven Mannschaftsgefüges nehmen kann. Welche Charaktere fehlen der Mannschaft noch? Diese Punkte spiele ich alle durch – eigentlich ausnahmslos mit dem Vorstand Sport. Automatisch ergibt sich so ein Kandidatenkreis. Und ab diesem Zeitpunkt etwa holt einen die Realität ein bisschen ein. Ist die Verpflichtung finanzierbar? Macht es unter bestimmten Umständen tatsächlich Sinn, einen Transfer zu forcieren? Was ergibt sich aus dem Gespräch mit unseren Scouts?


Sie sprechen den Charakter eines Spielers an. Welche Charaktere benötigt eine Mannschaft, um möglichst erfolgreich Fußball spielen zu können? 

Wichtig ist vor allem, ob ein Spieler genügend Potential besitzt. Davon abgesehen existieren immer mehrere Aspekte. Bei Sebastian Kerk waren wir sicher, dass er zu uns passt. Wir wussten ja, dass er in seiner ersten Zeit beim Club perfekt integriert war und weiterhin ganz engen Kontakt zu seinen Mitspielern gepflegt hat. Auch bei Enrico Valentini machte alles Sinn, denn mit ihm ist ein gebürtiger Nürnberger nach vielen Jahren zu seinem Stammverein zurückgekehrt. Dann gibt es junge, hungrige Spieler. Lukas Jäger oder Fabian Bredlow, die kurz- oder mittelfristig erfahren möchten, ob sie den Sprung in die 2. Bundesliga packen können. Oder ein Alexander Fuchs, mit dem wir eher langfristig planen. Letztendlich macht es immer die Mischung. Und dies könnten wir nun auch mit Adam Zrelak oder Ewerton durchspielen.


Wenn es in der Mannschaft stimmt, wie bekommt ein Trainer dann die Balance zustande zwischen lockerer Attitude und sportlicher Ambition? 

Das entscheidet sich im persönlichen Umgang mit den Spielern. Die Grundlage ist, dass ein vernünftiger Umgangston vorherrscht. Außerdem versuchen wir es als Trainerteam auch ein bisschen zu steuern. Wir wollen die Bildung einzelner Gruppen vermeiden und möglichst für eine homogene Gemeinschaft sorgen. Das ist es aber absolut legitim, dass ein Spieler, der kaum Einsatzmöglichkeiten bekommt, sich nach einer neuen sportlichen Herausforderung umsieht.


Wie müssen sich Spieler aus Reihe zwei denn präsentieren, um beim Chefcoach Köllner eine Chance zu bekommen?

Ich versuche immer, viel mit meinen Spielern zu kommunizieren. Oftmals auch mehr mit den Ersatzspielern als den Stammkräften. Denn die Enttäuschung des Einzelnen ist immer hoch, wenn er es nicht in den 18er-Kader schafft oder keine Einsatzzeiten bekommt. Das ist natürlich die bittere Seite des Profigeschäftes, es sind nur drei Wechsel pro Spiel erlaubt. Jeder Spieler muss aber aufgezeigt bekommen, dass auch er wichtig für das Mannschaftsgefüge ist, selbst wenn er keine Spielzeit aufweist. Und es muss leistungsgerecht zugehen. Gute Trainingsleistungen sollten berücksichtigt werden. Im Umkehrschluss verlangt das von den Spielern auch Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, wenn ein Teamkollege gerade in einer besseren Form ist oder schlicht besser zum kommenden Gegner passt, so dass der Spieler sich bei der Beantwortung dieser Fragen nicht verletzt fühlt. Ich bin froh, über jeden einzelnen Spieler, der mir zur Verfügung steht.


Der Posten des Co-Trainers beim Club wurde in der Sommerpause neu besetzt.

Das war eine enorm wichtige Baustelle, die wir mit Boris Schommers optimal haben schließen können. Das war eine Top-Verpflichtung. Und auch Michael Fuchs und Tobias Dippert spielen bedeutende Rollen. Entscheidungsprozesse muss am Ende ich verantworten, aber wir alle sind auf dem Weg dorthin mit unserer Expertise involviert. Im Funktionsteam spielt sich im
Laufe der Saison immer eine gewisse Routine bei der täglichen Arbeit ein. Wo wir im Vorjahr noch versuchen mussten, Spiele wie gegen Bielefeld oder den KSC unbedingt zu gewinnen, können wir nun anders zusammenarbeiten und hoffentlich auch ein verändertes Bild der Mannschaft transportieren.


Und wenn ein Spieler aus der Rolle fällt?
Im Leben ist es doch auch so, dass grundlegende Regeln im Umgang mit den Mitmenschen existieren. Ich habe der Mannschaft absichtlich keinen Strafenkatalog verordnet, das impliziert doch indirekt schon den Tabubruch. Ich gehe davon aus, dass das Gute im Menschen die Oberhand behält und es zu keinen Vorkommnissen kommt. Hält ein Spieler sich nicht daran, dann darf er im äußersten Fall eben nicht am Spiel oder Training teilnehmen. Es trifft einen Sportler im Herzen, wenn man ihn nicht an den Ball lässt. Aber auch die Mannschaft ist ja in der Lage, bestimmte Dinge selbst zu regeln, dafür zu sorgen, dass die Kabine in Ordnung ist und bleibt.


Nach dem geglückten Start in die Saison herrschte rund um den Valznerweiher durchweg gute Laune. Besitzt aufkeimende Euphorie vornehmlich positive oder eher negative Merkmale?

Weder noch. Ich glaube auch, dass die Club-Fans das unabhängig vom Tabellenplatz ganz gut einordnen können. Es geht uns nicht unbedingt nur um das Ergebnis, gewinnen will man jedes Spiel, sondern eben um die Art und Weise, wie wir Fußball spielen. Wir wollen mit Leistung überzeugen und das, was wir uns im Training erarbeiten, am Wochenende regelmäßig auf den Platz bringen. An diesem Wiedererkennungswert wollen wir uns messen lassen. Natürlich transportieren Siege mehr Fröhlichkeit und positive Energie, alles erscheint leichter. Das ist doch für alle, für Fans und Spieler, die größte Freude. Was soll man da bremsen?


Tatsächlich scheint es heuer, nach dem gelungenen Saisonstart auch verständlich, dass die Club-Fans sich enger mit der Mannschaft identifizieren.

Wir hätten den Fans schon in der vergangenen Saison gerne solche Momente beschert – doch leider war uns dies zu diesem Zeitpunkt nicht möglich. Die Fans sehen und vor allem spüren es, wenn sich die Mannschaft in ein Spiel wirft und aufopfert. Es gibt immer auch Spiele, die für das Publikum weniger attraktiv daherkommen, ohne großes Torspektakel und Strafraumszenen im Minutentakt. In Regensburg sind wir zum Beispiel auf einen Gegner getroffen, der sehr viel investiert hat. In der ersten Hälfte haben wir fußballerisch überzeugt, im zweiten Durchgang dann die Zweikämpfe sehr gut angenommen. Das wird am Ende honoriert, nicht ganz, aber hoffentlich auch unabhängig vom konkreten Ergebnis.


Zum Profil eines Profitrainers gehört auch der geübte Umgang mit den Medien. Sie treten den Berichterstattern gegenüber sehr meinungsfreudig und gerne auch ausführlich gegenüber. Entspricht das Ihrer Persönlichkeit oder versuchen Sie, sich ein Stück weit vor die Mannschaft zu stellen? 

Auch hier haben beide Perspektiven ihre Berechtigung. Sicher stelle ich mich immer auch vor meine Mannschaft. Die Öffentlichkeit und unsere Fans haben aber einen Anspruch auf ausführliche Berichterstattung. Das können Journalisten alleine nicht erfüllen, da spielt es doch auch eine Rolle, wie sich ihr Gesprächspartner präsentiert. Ich tendiere dazu, Dinge beim Namen zu nennen und das fliegt mir manchmal im Nachhinein um die Ohren. Diese Offenheit nach außen möchte ich mir persönlich aber aus den genannten Gründen bewahren.


Und das Binnenklima im Zusammenspiel mit dem direkten Vorgesetzten? Wie verläuft aus Ihrer Sicht die Zusammenarbeit mit Sportvorstand Andreas Bornemann? 

Wir sprechen regelmäßig, ja täglich. Manchmal im zweiten Stock, manchmal unten in der Trainerkabine. Ich spüre ein Grundvertrauen seitens des Vorstands, auch Loyalität und wir können uns gegenseitig aufeinander verlassen. Sportliche Aspekte rund um das Team und den Verein werden in einem gemeinsamen Kontext besprochen. Das sind die Grundlagen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit, die sehe ich beim Club absolut gegeben.


Die Zusammenarbeit betrifft ja nicht nur den Profibereich, auch das NachwuchsLeistungsZentrum lebt von der gemeinsamen Expertise.
Da hat sich im Sommer auch einiges getan. Mit Reiner Geyer haben wir einen sehr erfahrenen Mann auf dem Trainerposten der U21 installieren können, der zudem eine Leitungsposition im NLZ übernimmt. Das war uns sehr wichtig. Oberstes Ziel muss es immer sein, alle Mannschaften aus dem Leistungsbereich, U17 bis U21, auf hochklassigem Niveau spielen zu lassen. Unsere Nachwuchsspieler sollen nach einer Saison positiv auf das Erreichte zurückblicken können. Das ist auch mein ganz persönlicher Anspruch. Unsere Junioren sollen sich entwickeln, auf- und außerhalb des Platzes. Klar ist auch, dass es vor allem im U-Bereich zu vielen Aufs und Abs kommt. Meine Verbindung zum NLZ ist immer noch sehr eng. Es fällt mir schwer, ruhig am Seitenrand zuzuschauen, wenn die Jungs spielen.


Sieht der Profitrainer Michael Köllner derzeit im NLZ Spieler mit der Perspektive für den Lizenzspielerbereich?

Unsere U21 hat im Sommer eine starke Kaderveränderung hinnehmen müssen, ein neues Gesicht bekommen. Ich sehe dort aber genau wegen des Umbruchs Potential, um unseren Profikader zu ergänzen und zu verstärken. Wir konnten ja bereits erfolgreich Spieler oben integrieren, und das ist keine Entwicklung, die nun plötzlich endet. Übrigens sehe ich genauso viel Potential bei unseren U19- und U17-Akteuren.


Wie sieht der perfekte Fußballspieler denn aus Ihrer Sicht überhaupt aus? Und in welchem System kann er sich ideal entfalten? Gibt es so etwas überhaupt?
Es ist ein charakterstarker Spieler, der auf alle Fragen des Spiels die bestmögliche Antwort findet. Bei eigenem Ballbesitz ist er fehlerlos und beherrscht zugleich die Automatismen, die das Spiel vereinfachen. Aber auch eine gewisse Härte und Zuverlässigkeit sind bedeutend. Wenn ein Spieler diese Punkte über 90 Minuten umsetzen kann, dann kann man durchaus von einem perfekten Fußballer sprechen. Wenn einem elf perfekte Spieler zur Verfügung stehen, inklusive des Torwarts, dann ist das Spielsystem irrelevant. Auch die Physik kommt zu ähnlichen Antworten auf die Frage nach Perfektion im Raum. Eckige, kantige Räume gelten als fehleranfällig, dem Idealbild kommt eher eine absolut glatte Fläche nahe. Im Fußball ist dies nicht wirklich anders. Man sucht den Spielern den idealen systematischen Rahmen vorzugeben. Wir wollen dabei im Laufe der Saison variabel, schwer einschätzbar bleiben. Dann ist aus meiner Sicht eine ernsthaft stabile, ja positive Saison für uns absolut drin.

Quelle: DER CLUB - Das Magazin
Ausgabe 2/2017

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