Ich nehme keine Rücksicht. Auch nicht auf mich.

11.09.2017

Besprechung mit dem Teamarzt, Sitzung mit den Nachwuchstrainern, dann eine Einheit mit den Profis, abends ein gemeinsamer Besuch auf dem Nürnberger Volksfest. Der Tag von Michael Köllner ist voller Termine. Zwischendurch nimmt er sich eine gute Stunde Zeit für ein Gespräch mit dem kicker.

Herr Köllner, Sie haben in der Länderspielpause mit dem 3-4-3 ein neues System einüben lassen. Ist dies eine Reaktion auf das 1:3 in Aue, der ersten Saisonniederlage?
Im Sommer wollten wir uns zunächst auf das 4-1-4-1 konzentrieren, um unsere junge Mannschaft nicht zu überfrachten. Da die Automatismen da mittlerweile gut sitzen, haben wir nun den nächsten Schritt machen können. Wir brauchen ein zweites System, um im einen oder anderen Spiel eine andere Antwort parat zu haben.

Wie wichtig ist das System überhaupt?
Im Innenleben hat es weniger Bedeutung als Außenstehende annehmen. Die Spieler machen sich keinen großen Kopf mehr, in welchem System wir beginnen. Entscheidend ist, wie die Räume besetzt sind, welche Passwinkel du hast, was gerade für uns, die wir viele Situationen fußballerisch lösen wollen, sehr wichtig ist. Über all dem steht ohnehin eine ganz simple Frage, die Königsfrage so zu sagen.

Und die lautet?
Wie ist dein Zweikampfverhalten – mit und ohne Ball. Das ist die Seele des Spiels.

Würden Sie auch unterschreiben, dass die Frage nach dem System deutlich hinter der Frage rangiert, ob auf dem Platz eine Mannschaft steht?
Natürlich, wenn die Mannschaft keine Einheit ist, hilft die beste Taktik nicht.

Da scheinen Sie sich nicht sorgen zu müssen.
Stimmt, wir haben wirklich eine im Wortsinn tolle Mannschaft. Es hat sich ausgezahlt, dass wir bei der Zusammenstellung großen Wert auf die menschliche Komponente gelegt haben. Der Trainerstab hat viele Teambuilding-Maßnahmen in den Trainingsplan integriert. Die Spieler unternehmen viel zusammen, der Zusammenhalt könnte nicht besser sein. Mitunter ist die Harmonie sogar so groß, dass ich mittlerweile immer mal wieder den einen oder anderen Reizpunkt setzen muss. Denn auf dem Platz muss auch ein gewisses Reizklima herrschen.

Apropos Reizklima. Nach vier Spieltagen sind drei Ihrer Kollegen nicht mehr im Amt. Was halten Sie davon?
Mir fehlen die Hintergründe, um jeden Fall einzeln zu bewerten. Die handelnden Personen werden sich ihre Gedanken gemacht haben. Eines darf man nicht vergessen: Der Fußball hat eine riesige Bedeutung, es fließt immer mehr Geld, da steht viel auf dem Spiel. Früher war es egal, ob du Siebter oder Zehnter wurdest. Jetzt hängen daran Millionen. Die Verantwortung dafür zu haben, kann eine schwere Last sein. All dies lässt den Zeiger im Fußball immer schneller laufen – das muss man akzeptieren.

Tut dies dem Fußball gut?
Ich sehe es gar nicht so negativ, auch wenn man den ethischen und moralischen Aspekt der gigantischen Summen zu Recht kritisiert. Dies belegt aber, dass das Produkt Fußball ein sehr begehrtes ist.

Sie bewegen sich seit Jahrzehnten im Fußball, die überwiegende Zeit davon im Jugendbereich. Ist es schwieriger oder einfacher eine Herrenmannschaft zu trainieren?
Da ich mit Teams von der U 16 aufwärts gearbeitet hatte, gibt es keinen großen Unterschied. In der einen oder anderen Situation ist es sogar leichter, weil die Spieler mehr Erfahrung haben.

Ist Ihr Umgang mit jungen Spielern anders als mit erfahrenen?
Mit dem Alter hat das nichts zu tun, ich versuche, jeden persönlich zu treffen. Mit Patrick Kammerbauer muss ich zum Beispiel eher ernsthaft reden, andere 28- oder 29-Jährige brauchen mehr Spaß und Lockerheit. Entscheidend ist, dass jeder Spieler sich ernstgenommen fühlt.

Sie sind seit März Cheftrainer im Profibereich – zumindest dies dürfte ein großer Unterschied sein?
Rein von der Mannschaftsführung her nicht. Das Drumherum ist natürlich wesentlich umfangreicher, aber bei der Trainingssteuerung ist die Aufgabe gleich, ich bereite wie früher auch jede Einheit bis zu fünf Stunden vor. Geändert hat sich die Spielvorbereitung. Die ist so intensiv, da kann ich einen Tag vorm Spiel abends maximal ins Kino gehen. Im Dunkeln fällt es nicht auf, wenn ich einschlafe (lacht).

Fünf Stunden pro Einheit?
Das habe ich immer so gehandhabt. Du erwartest von den Spielern eine perfekte Einstellung – dann musst du die selbst auch vorleben. Und so beginnt mein Tag auf dem Trainingsgelände eben oft schon um 7 Uhr.

Sie bestimmen zudem auch die Geschicke des NLZ. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen mal hier und da ein paar Prozentpunkt an Energie fehlen könnten?
Überhaupt nicht. Ich habe zu meiner Anfangszeit als Trainer fünf Mannschaften parallel trainiert – da lernst du, wie du deinen Tag takten musst. Dabei habe ich mir eine Belastungsresistenz angeeignet. Entscheidend ist, dass man in der wenigen freien Zeit mental komplett runterfahren kann. Auch das habe ich gelernt. Eins ist aber klar. Wenn ich merke, dass ich die notwendige Energie nicht mehr aufbringe, muss ich aufhören – und werde aufhören.

Wieso bestehen Sie trotz der hohen Belastung darauf, auch im NLZ die Fäden in der Hand zu haben? Können Sie keine Verantwortung abgeben?
Das hat damit nichts zu tun. Mir geht es nicht um Einfluss oder Macht. Wenn du wie wir keinen großen finanziellen Input von außen hast, dann muss dein Innenleben perfekt strukturiert sein. Eine gute Verzahnung zwischen Profis und Unterbau ist dabei das A und O – und als Cheftrainer muss ich mich schon aus egoistischen Gründen mit einbringen.

Haben Sie nun als Cheftrainer Ihr großes Ziel erreicht?
Nein, sonst wäre ich nicht 15 Jahre beim DFB geblieben. Viele Kollegen wie André Schubert sind früher gegangen. Ich habe keinen Karriereplan. Für mich ist wichtig, dass ich mich in meinem Job einbringen und etwas hinterlassen kann.

Viele frühere Wegbegleiter beschreiben Sie als jemanden, der ehrgeizig ist und mit jeder Faser nach oben will.
Das Bild ist falsch. Klar bin ich ehrgeizig. Wenn ich einen Job mache, dann immer zu 1000 Prozent. Dann nehme ich keine Rücksicht, auch nicht auf mich selbst, und vertrete die fachlich gefällten Entscheidungen mit aller Konsequenz. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich persönlich vorankommen will, sondern dass ich sonst das Projekt in Gefahr sehe. Wenn ich beim DFB mit der Leistung eines Stützpunkttrainers nicht zufrieden war, habe ich mich von ihm getrennt. So ist es auch hier im NLZ gewesen.

Zu Beginn Ihrer Amtszeit haben Sie vieles vollmundig versprochen, etwa, dass das Stadion bald voll sein wird. Sind
Sie in Ihren Aussagen bewusst moderater geworden?
Am Anfang ging es darum, Aufbruchsstimmung zu erzeugen. Da nimmt man den Mund schon mal ein bisschen voller. Es war wichtig, dass die Leute sich wieder auf den Fußball freuen. Das haben wir erreicht, denke ich. Mit dem vorherigen Kader waren auch einige Dinge nicht machbar.


Der Kader hat im Vergleich zur Vorsaison mehr spielerische Klasse und vor allem mehr Tempo. Stimmen Sie zu?
Absolut. Es ging im Sommer darum, zum einen unser Spielsystem temporeicher zu gestalten und zum anderen Spieler mit mehr Tempo zu bekommen. Wir sind froh, dass wir die Dinge so voranbringen konnten und kaum Rückschläge in Form von Verletzungen haben. Ohne die Langzeitverletzten planen wir derzeit mit 25 Spielern, das ist ein kleiner Kader.

Klein? Wenn alle gesund sind, können Sie am Spieltag acht Ihrer Schützlinge nur einen Tribünenplatz geben.
Das fällt mir brutal schwer und bereitet mir mehr schlaflose Nächte als die Trainingsplanung. Wenn du einen Spieler, der sich top verhält, nicht in den Kader nimmst, dann ist es das Härteste, was du ihm antun kannst. Du musst diesen Spielern im Training Vergleichbarkeit bieten, damit sie sehen, dass der andere noch ein Stück besser ist. Und wir müssen uns immer wieder neue Dinge vornehmen, damit es die Chance gibt, einen Konkurrenten zu überholen. Wenn man das gerecht handhabt, funktioniert das über Jahre, ohne dass ein Spieler richtig sauer wird.

Überschätzen Sie da die Spieler nicht? Fußballer sind nicht gerade für große Selbstkritik bekannt . . . 
Das liegt an meiner Kommunikation. Ich versuche, jedem Spieler nach dem Training ein Feedback zu geben, damit er nicht mit der falschen Einschätzung heimgeht. Natürlich ist es nicht so wie beim 100-Meter-Lauf, wo man sieht, wer eine Zehntel langsamer ist. Aber wenn beim Vier-gegen-vier der eine seine Aufgaben mit Bravour erfüllt und der andere sich müht, dann merken das die Spieler schon. Man muss den Fußball in einzelne Inhalte runterbrechen und so eine Vergleichbarkeit herstellen.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Das Trainergeschäft ist so schnelllebig. Ich habe auch die Phase genossen, als ich nach der Zeit in Fürth ein Dreivierteljahr daheim war. Ich habe ein Buch geschrieben, meine Trainingsarbeit und mein Spielsystem auf den Prüfstand gestellt, sowie einige Konzepte entwickelt. Und meiner Frau hat die Zeit auch gefallen (schmunzelt).

Ist eine Rückkehr in den U-Bereich vorstellbar?
Es geht immer darum, dass ich mich einbringen kann. Das ist nicht bei jedem Verein der Fall. Ich möchte nicht das Gefühl haben, dass ich für den sportlichen Bereich verantwortlich bin, aber nichts mitentscheiden darf.

Dann können Sie nie bei einem Bundesligisten arbeiten. Dort wären Sie wahrscheinlich nur Trainer.
Ich glaube, dass kein Verein ein Problem hat, wenn der Cheftrainer seine Expertise ins NLZ  einbringt. Ich denke, die Trainer hier im Verein profitieren von den Dingen, die ich einbringe. Wichtig ist, dass sich alle mitgenommen fühlen. Das Gesamtpaket hier ist schwer zu toppen: ein Vorstand, mit dem ich sehr gut zusammenarbeiten kann; ein Trainingszentrum mit zehn Plätzen; eine leistungswillige Mannschaft; ein Verein, der eine große Nummer in Deutschland ist und eine große Fan-Basis hat; und eine Region, in der es sich leben lässt.

Sie sagten vor Saisonstart, die Liga sei schwer einzuschätzen und ein Saisonziel deshalb schwierig zu benennen. Sind Sie nach vier Spieltagen schon weiter?
Es war wichtig zu sehen, dass unsere Art des Fußballs funktioniert. Aber mit unserem jungen Team ist alles fragil. Wenn ein einzelner Pfeiler herausbricht, wie durch die Kerk-Verletzung, dann muss man die Statik nachjustieren. Es gibt noch viel Luft nach oben. Wir wollen am 34. Spieltag ja nicht mehr so spielen wie am ersten – auch wenn der erste in einigen Aspekten schon richtig gut war. 

Quelle: kicker-sportmagazin Nr. 74,
11.9.2017, 37. Woche

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