Michael Köllner: "Ich will lieber aktiv sein"

27.03.2017

Im zweiten Teil des Interviews mit Michael Köllner spricht der Club-Coach über seine positive Herangehensweise, Bewertungen von außen und taktische Überlegungen.

fcn.de: Sie sind inzwischen rund ein Jahr beim Club. Auffällig ist Ihre positive Herangehensweise. Das Glas ist bei Ihnen immer halbvoll statt halbleer. Woher kommt diese positive Sicht auf die Dinge?

Michael Köllner: Ich habe gelernt, dass sich geschehene Dinge nicht mehr ändern oder rückgängig machen lassen. Du musst vielmehr lernen, wieder einen neuen Weg zu finden, und dir immer vor Augen führen: Persönlich erlebte Dinge sind in der eigenen Wahrnehmung manchmal vielleicht hart, aber wenn man sich andere Geschehnisse oder Schicksale anschaut, relativiert sich vieles wieder. Deshalb muss man sich schon manchmal fragen: Worüber rege ich mich eigentlich auf? Wir hatten da jüngst erst wieder ein Beispiel im eigenen Verein.

fcn.de: Ja?

Michael Köllner: Wir hatten einen Testspieler bei der U21, der nach Deutschland geflüchtet ist. Er musste als junger Kerl mit ansehen, wie seine Eltern hingerichtet worden sind. Wenn man sich so etwas bewusst macht, merkt man schon, wie trivial viele unserer sogenannten Probleme sind. Für mich ist ganz wichtig, eine Verhältnismäßigkeit in der Betrachtung herzustellen. Natürlich haben wir im Profi-Fußball einen gewissen Druck. Und natürlich läuft da nicht immer alles wunderbar oder problemlos. Aber trotzdem bin ich froh und dankbar, dass ich hier jeden Tag herkommen darf. Und aus dieser Perspektive versuche ich die Dinge auch zu betrachten.

fcn.de: Im Gegenzug werden Sie als Trainer von der Öffentlichkeit allerdings vor allem anhand des Resultats vom Wochenende bewertet.

Michael Köllner: Am Ende werden Spiele häufig aufs Ergebnis reduziert. Das finde ich einerseits ein bisschen schade, weil es den beiden Mannschaften, die auf dem Platz stehen, meist nicht gerecht wird. Es kann ja auch etwas gut sein, obwohl am Ende kein Sieg dabei herausspringt. Auf der anderen Seite kann ich diese aufs Ergebnis reduzierten Bewertungen auch ein Stück weit nachvollziehen. Zum einen ist Profifußball ergebnisorientiert, zum anderen können Betrachter von außen ja gar nicht an allen Prozessen teilhaben und diese somit auch gar nicht in die Bewertungen einfließen kann.

fcn.de: Führt diese umfassendere Sicht, die Sie als Trainer haben, auch dazu, dass Sie Spieler immer wieder auf vermeintlich fremden Positionen einsetzen, wie zuletzt Kevin Möhwald in Berlin oder bei der U21 Spieler wie Eduard Löwen, Dennis Lippert oder Jonas Hofmann?

Michael Köllner: Bei solchen Entscheidungen fließen ganz viele Dinge mit ein. Da geht es nicht nur um taktische Überlegungen, sondern auch um den Menschen. Welche Rolle spielt er zum Beispiel für die Gruppe, was löst er in der Gruppe aus? Und dann überlege ich vor Spielen letztlich, was wir tun müssen, um dem Gegner wehzutun.

fcn.de: Wie darf man sich das vorstellen?

Michael Köllner: Wir identifizieren in den Analysen Räume, in denen wir einen Gegner bespielen und ihm wehtun können. Und um das zu schaffen, braucht man bestimmte Spielertypen. In der U21 war es zum Beispiel so, dass wir einen hohen Ballbesitz haben wollten und meist auch als Favorit in die Spiele gegangen sind. Da brauchst du dann auf der Innenverteidiger-Position jemanden, der das Spiel strukturieren und ordnen kann. Einen Spieler, der auch Spielmacherqualitäten hat, um die Dominanz in die gegnerische Hälfte zu bringen. Da war es naheliegend, einen Jonas Hofmann, der in der Jugend Zehner war, dort aufzustellen.

fcn.de: Und wie reagiert ein Spieler dann, wenn er plötzlich statt im Mittelfeld in der Abwehr oder im Sturm spielen muss?

Michael Köllner: Es ist ja nicht so, dass mir solche Überlegungen nachts als Erleuchtung durch den Kopf schießen. Da steckt ein Plan dahinter, den wir bereits in der Trainingswoche vor der jeweiligen Partie vorbereiten. Letztlich geht es um die Entscheidung, mit welchem Personal der Plan am besten umzusetzen ist. Und wenn die Spieler den Plan verstehen und merken, dass sie darauf vorbereitet sind, haben sie auch überhaupt kein Problem damit.

fcn.de: In den ersten beiden Spielen ordneten Sie die Mannschaft jeweils in einem 4-1-4-1 an. Es heißt, Sie seien kein großer Freund des 4-2-3-1. Warum?

Michael Köllner: Ich mag keine reaktiven Systeme, und das 4-2-3-1 ist aus meiner Sicht reaktiv. Ich will lieber aktiv sein, ich will viele Linien in unserem Spiel haben. Die Systeme müssen letztlich fließend sein. Am Ende muss sich der Beobachter fragen: Was spielen die denn jetzt eigentlich?

fcn.de: Also gibt es kein Lieblingssystem?

Michael Köllner: Das System ist nicht entscheidend. Bei uns im NLZ haben deshalb auch die Trainer die Entscheidungsgewalt, was die Systematiken anbetrifft. Damit gilt es, unsere Spielprinzipien, die völlig systemunabhängig sind, umzusetzen. Wir wollen zum Beispiel viele Linien besetzen, wir wollen viele Winkel in unser Spiel reinbringen. An diesen Spielprinzipien und natürlich an der Qualität der Spieler orientieren sich die Systematiken dann.

fcn.de: Gab es, seit Sie hier sind, schon Spiele, die Ihren Idealvorstellungen sehr nahe kamen?

Michael Köllner: Wir haben mit der U21 schon ein paar starke Partien abgeliefert. Unser Spiel bei Ingolstadt II zum Beispiel: Wie wir da den Gegner beherrscht haben, hat mir gefallen. Oder die erste Halbzeit im Derby gegen Fürth. Dort waren wir in der Lage, das Spiel auch in der gegnerischen Hälfte zu dominieren. So etwas begeistert mich. Auch 75 Minuten des Spiels in Schalding-Heining kann ich da als Beispiel anführen. Dort haben wir am Ende zwar verloren. Allerdings haben wir auf einem richtig schlechten Platz unser Kurzpassspiel durchgezogen, so dass uns hinterher einheimische Zuschauer gelobt haben für die Art und Weise, wie wir aufgetreten sind. Doch nicht nur in der U21, sondern auch in anderen Jugendmannschaften habe ich einige Spiele gesehen, die so waren, wie wir uns das künftig vorstellen.

Quelle: fcn.de vom 27.03.2017
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