So tickt Club-Coach Michael Köllner

26.07.2017

Vom Leiter des Nachwuchsleistungszentrums und U21-Coach bis zum Cheftrainer der Zweitliga-Profis – Michael Köllner hat beim FCN einen bemerkenswerten Aufstieg hingelegt. Nach einer nahezu perfekten Vorbereitung mit sieben Siegen steht der 47-Jährige ab Sonntag auf dem Prüfstand.

NZ: Herr Köllner, Sie haben einmal gesagt, vergangene Saison sei es "nicht meine Mannschaft" gewesen, sie hätten "nur versucht zu retten, was zu retten ist". Was unterscheidet die aktuelle Mannschaft denn so großartig von der letztjährigen? Bei der Generalprobe gegen Borussia Mönchengladbach standen mit Sebastian Kerk und Enrico Valentini ja nur zwei Neuzugänge in der Startelf.

Michael Köllner: Es ist in der Vorbereitung anders möglich, eine Beziehung zur Mannschaft aufzubauen, man kommt auf eine andere Ebene. Zudem geht es darum, an den taktisch-technischen Dingen, die man sich vorstellt, in Ruhe zu arbeiten und eine Spielidee zu finden, die zur Mannschaft passt. Auch die Hierarchie verschiebt sich, nicht nur durch den neuen Kapitän Hanno Behrens. Mit Dave Bulthuis und Raphael Schäfer sind auch zwei Wortführer weg.

NZ: Findet ein Trainer bei den Spielern mehr Akzeptanz, wenn er schon von Anfang an da ist und nicht während der Saison als "Retter" installiert wird?

Köllner: Das kann ich nicht beurteilen. Grundsätzlich glaube ich, dass du als Trainer ein bis zwei Wochen Schonfrist bei den Spielern hast. Dann sehen sie: Hilft der Trainer mir persönlich und der Mannschaft weiter? Wenn sie merken, es sind nur Worthülsen und das Training ist nur Effekthascherei, dann ist man wohl schnell unten durch.

NZ: Sie haben selbst nie höherklassig gespielt und bis dato auch keine Profimannschaft trainiert. Haben Sie das Gefühl, dass das als Makel gewertet wurde?

Köllner: Den Eindruck hatte ich nicht, weil ich aus dem Verein gekommen bin. Viele hatten bei mir vorher schon in der U21 gespielt und kannten mich, die Prozesse sind ähnlich. Ich glaube aber, dass einem in der Öffentlichkeit mehr Vertrauensvorschuss gegeben wird, wenn man 500 Bundesligaspiele und 200 Länderspiele gemacht hat.

"Meine Kabinentür ist immer offen"

NZ: Wie geht man damit um, 28 verschiedene Charaktere unter einen Hut bringen zu müssen?

Köllner: Das ist eine Herausforderung. Ich bin da sicher auch verletzbar, wenn ich merke, dass ein Spieler eine starke Unzufriedenheit ausstrahlt. Aber ich setze dagegen, dass ich den Anspruch habe, alles perfekt vorbereitet zu haben und immer ehrlich zu den Spielern zu sein. Eine Entscheidung muss aus dem Trainingsprozess heraus ersichtlich und mit Fakten unterlegt sein, dann akzeptiert der Spieler sie auch. Meine Kabinentür ist immer offen, jeder kann täglich kommen und sich alle Entscheidungen erläutern lassen.

"So lange es so läuft, geht's ja"

NZ: Wie gehen Sie mit dem neuen öffentlichen Interesse an Ihrer Person um? Hat sich Ihr Leben verändert?

Köllner: Es ist anders, es erkennen einen jetzt schon ein paar Leute mehr, man ist nicht mehr anonym. Manchmal ist das aber auch ganz angenehm. Kürzlich wollten wir in ein Restaurant gehen, da war geschlossene Gesellschaft. Meine Frau lässt sich aber nicht so leicht abschütteln, und wir wurden trotzdem reingelassen. Dann war das eine Hochzeit von Club-Fans. Die hatten sogar beim Verein angefragt, ob nicht ein Spieler vorbeikommen könnte. Unsere Antwort war: Das erlaubt der Trainer in der Vorbereitung aber nicht (lacht). Und dann steht der Trainer plötzlich selbst da. Die waren total glücklich, wir haben miteinander was getrunken und Fotos gemacht.

So lange es so läuft, geht’s ja. Wenn ich irgendwann mal in eine Kneipe gehe und sie schmeißen Stühle nach mir, ist die Situation etwas anders.

NZ: Mussten Sie den richtigen Umgang mit der Presse und das Auftreten in der Öffentlichkeit auch erst ein Stück weit lernen? Manche Ihrer forschen Sprüche kamen wie ein Bumerang zurück...

Köllner: Ich bekomme hin und wieder Ratschläge: Das kannst du so doch nicht sagen! Aber ich will mich da auch nicht verstellen und nur Worthülsen verteilen. Es soll greifbar sein. Wenn mir das eine oder andere später um die Ohren fliegen wird: Ja mei. Ich hoffe einfach, dass wir so viel sportlichen Erfolg haben, dass es uns positiv um die Ohren fliegt.

NZ: Sie erwähnen oft Ihre Herkunft aus dem beschaulichen Fuchsmühl. Wie wichtig ist Ihnen Bodenständigkeit und das Bewusstsein der eigenen Wurzeln?

Köllner: Man hat am Dorf eben ein eng vernetztes Umfeld. In Nürnberg hingegen weiß ich nicht, wer drei Häuser weiter wohnt. Es hilft, wenn man weiß, welche Kraft Zusammenhalt entwickeln kann. Auch in unserem Verein sollen sich die Spieler gut aufgehoben fühlen, nur dann ist eine Top-Leistung möglich. Ich kenne auch das Internatsleben und war lange von zu Hause weg, deshalb kann ich mich gut in unsere jungen Spieler reinversetzen.

"...., was den Verein früher augemacht hat"

NZ: Sie legen viel Wert darauf, den Club in der Region wieder als Verein zum Anfassen zu etablieren.

Köllner: Ich unterhalte mich oft mit Dieter Nüssing, Reinhold Hintermaier oder Marek Mintal und gehe auch hin und wieder zum Stammtisch der alten Meisterspieler, kenne also verschiedene Club-Epochen. Für mich ist ein entscheidender Faktor, was den Verein früher ausgemacht hat. Und das war in den großen Zeiten eine bodenständige, regional geprägte Mannschaft. Elf Nürnberger auf dem Platz zu haben, wäre sicher Wunschdenken, aber es sollte zumindest hauptsächlich deutsch gesprochen werden. Die Leute haben Sehnsucht nach einer Mannschaft zum Anfassen, nach Spielern, mit denen sie sich identifizieren können. Etwa unseren neuen Kapitän Hanno Behrens, der ein guter Typ ist.

Fanatismus und Feilen

NZ: Sie haben selbst gesagt, Sie sind gespannt, ob der von Ihnen angestrebte Fußball auch zweitligatauglich ist. Es gab in Nürnberg vor einigen Jahren schon mal einen Trainer, der mit kompromisslosem Offensivfußball ins Verderben gestürmt ist. Wie viel Zeit würden Sie Ihrem System geben, wenn die Ergebnisse nicht stimmen?

Köllner: Wenn ich nicht daran glauben würde, hätte ich mir es so nicht ausgesucht. Ich finde auch nicht, dass wir einen fanatischen Offensivfußball spielen, sondern aus einer geordneten Defensivstruktur kommen. Daran feilen wir täglich, und ich bin mir sicher, dass das zweitligatauglich ist. Am Sonntag gegen Kaiserslautern müssen wir in der Spur sein.

NZ: Sie haben die Stammplätze abgeschafft und wollen Ihre Aufstellung Woche für Woche neu justieren.

Köllner: Schiedsrichter Felix Brych hat mir nach dem Spiel gegen Gladbach gesagt: Es sei ein gutes System erkennbar, "aber deine Spieler müssen viel laufen. Ich hoffe, die halten das durch." Deshalb sind nicht nur elf oder zwölf Leute entscheidend, sondern wir werden den ganzen Kader brauchen, damit wir reagieren können, wenn einer die Grätsche macht. Aber alle Spieler müssen hart an sich arbeiten. Auch Pflege, Regeneration, Schlaf und Ernährung sind bei uns wichtige Bausteine auf dem Weg zum Erfolg.

NZ: Und wenn sich einer nicht an die Vorgaben hält?

Köllner: Es gibt bei mir keinen Strafenkatalog, Geldstrafen finde ich völlig deplatziert, weil das jeden unterschiedlich trifft. Ich sanktioniere mit Einsätzen und Kadernominierungen, das tut am meisten weh. Wenn einer mal die falsche Hose anhat, geht bei mir die Welt nicht unter. Eine Abneigung gegen Uniformierungen habe ich schon damals bei der Bundeswehr entwickelt.

Optionale Energiequellen

NZ: Im Trainingslager haben Sie Ihre Mannschaft zu einer Klosterbesichtigung gebeten und ihr auf dem Platz auch schon mal eine Geschichte über Visionen vorgelesen. Wie wichtig ist es, über den Tellerrand des Fußballs hinauszuschauen?

Köllner: Ich will den Horizont der Spieler ein bisschen erweitern, damit sie auch sehen, was außerhalb des Fußballs los ist. Aber nicht, um zu zeigen, wie gut sie es haben und wie schlecht die anderen. Ich versuche, den Spielern etwas zu zeigen, woraus sie Kraft und Energie ziehen können. Den einen wird man damit ansprechen, den anderen vielleicht nicht.

"Ich brauch' das nicht so"

NZ: Wie laden Sie persönlich Ihren Akku auf?

Köllner: Ich brauch' das nicht so. Fußball ist für mich einfach etwas Schönes, das mache ich gern. Wenn man dann am Ende sieht, dass die Dinge zielführend sind und man in die Gesichter von glücklichen Spielern blickt – etwas Besseres gibt es gar nicht.

NZ: Sie gelten als relativ kompromisslos und sind damit auch schon öfter angeeckt. Nicht jeder im Verein hat sich von Ihnen mitgenommen gefühlt.

Köllner: Es ist immer die Frage, wen man am Ende mitnehmen muss. Kompromiss ist für mich das falsche Wort, weil es beinhaltet, dass beide Seiten verlieren. Ich versuche, die richtigen Entscheidungen für den Verein zu treffen, sowohl im NLZ als auch im Profibereich. Und ich versuche, die Dinge mit den Entscheidungsträgern abzustimmen. Wenn ich das Gefühl habe, jemand ist für etwas Neues nicht offen, dann ist er nicht der Richtige. Dass das nicht immer jedem passt, ist auch klar. Und gerade in Traditionsvereinen, wo vieles sehr eingefahren ist, ist ein Generationswechsel oft schwieriger, weil es auch zulasten der Alteingesessenen geht.

Man darf nicht immer zaudern, sondern muss entscheidungsfreudig sein. Das Bild, das hier oft von mir gezeichnet wird, der geht über Leichen, der räumt hier aus - das stimmt nicht. Mich haben auch viele alte Freunde aus Trainerlehrgängen gefragt, ob ich ihnen nicht einen Job beim Club verschaffen könnte. Aber wenn ich das Gefühl habe, Boris Schommers, den ich vorher nicht kannte, ist die beste Lösung als Co-Trainer, dann nehme ich ihn. Letztlich geht es immer um das Wohl des Vereins, er steht über allem.

NZ: Mehmet Scholl hat einmal spöttisch den Begriff des "Laptop-Trainers" geprägt. Sie sind zeitgemäßen Hilfsmitteln nicht abgeneigt, setzen aber auch auf vermeintlich altmodische Methoden wie Taktiktafel oder Kopfballpendel. Wie würden Sie sich selbst als Trainertyp charakterisieren?

Köllner: Ich versuche alles zu nehmen, was der Mannschaft hilft. Ein Laptop ist heute schon allein zur Dokumentation aller Prozesse unerlässlich. Ich nutze aber auch traditionelle Mittel. Auf einem Plakat steht jeden Tag genau, was wir trainieren. Die Spieler wissen, auf was sie sich konzentrieren müssen. Das schätzen Spieler auch, wenn man sie als mündige Menschen behandelt und auf den Weg mitnimmt.

"Zu viel Druck würde den Jungs nicht guttun"

NZ: Ist nach der guten Vorbereitung die Zeit schon reif, vom Aufstieg zu sprechen? Gefühlt ist der Club ja immer irgendwie mit auf der Liste.

Köllner: Man muss realistisch sein. Wenn man sieht, wie Union Berlin oder Ingolstadt auf dem Transfermarkt zugeschlagen haben, und dann schaut man sich unsere Mannschaft an: Sicherlich ambitioniert, mit jungen Talenten und Spielern mittleren Alters, die noch etwas erreichen wollen. Aber es wäre vermessen zu sagen, wir müssen unter die ersten drei kommen. Da würde man der Mannschaft keinen Gefallen tun. Gerade die jungen Spieler brauchen ein bisschen Ruhe und Vertrauen, zu viel Druck würde den Jungs nicht guttun. So eine junge Mannschaft ist ein sensibles Gebilde, das relativ schnell zerbrechen kann. Ich versuche momentan alles, um Zement reinzuschütten. Wir wollen eine gute Saison spielen. Jeder Spieler hat Zeit, sich zu entwickeln. Es soll etwas wachsen. Und nach meinen Erfahrungen sehen das auch viele Fans so. Die sagen: Der Aufstieg muss gar nicht unbedingt sein, wir wollen einfach schönen Fußball sehen und das Gefühl haben, dass was vorangeht und sich jeder reinhaut.

"Darmstadt verpflichtet auch nicht nur Gemüse"

NZ: Die 2. Liga gilt heuer als sehr ausgeglichen. Chance oder Risiko?

Köllner: Viele Mannschaften sind auf ähnlichem Niveau. Ich habe das Gefühl, dass wir in dieser Saison fast in jedem Spiel auf hundert Prozent laufen müssen, sonst sehen wir schlecht aus. Mit Ingolstadt und Union Berlin sind zwei Hochkaräter dabei, Darmstadt verpflichtet auch nicht nur Gemüse, Braunschweig ist letztes Jahr nur knapp in der Relegation gescheitert. Dann kommen immer noch ein paar Vereine dazu. Für uns ist es vielleicht gut, aus der zweiten Reihe zu kommen.

NZ: Viele Fans hat am meisten genervt, die zwei Derbys zu verlieren und am Ende in der Tabelle hinter Fürth zu stehen...

Köllner: Ich finde es grundsätzlich gut, solch eine Rivalität zu haben, weil sie einen nicht einschlafen lässt. Die Rivalität ist vielleicht in der Liga gegeben, aber in vielen Bereichen kämpfen wir doch mit unterschiedlichen Waffen - was die Stadiongröße, Anzahl an Dauerkarten und Fans betrifft.

Deppen hier, Deppen dort - und viele nette Leute

NZ: Wie kommen Sie eigentlich mit den Franken klar? Man sagt den Oberpfälzern ja gerne einen gewissen Sturschädel nach.

Köllner: Die einen sagen Sturschädel, die anderen nennen es Geradlinigkeit. Aber du findest in der Oberpfalz ein paar Deppen und in Franken auch, aber genauso viele nette Leute. Ich fühle mich in Nürnberg sehr wohl, die Stadt hat viele schöne Ecken. Ich halte es übrigens für einen Skandal, dass der Stadtstrand schon wieder abgebaut wurde (lacht). Hanno Behrens hat schon gesagt: Wenn wir am Sonntag verlieren, ist der Stadtstrand schuld. So lange er geöffnet war, haben wir alles gewonnen...

Quelle: nordbayern.de vom 26.07.2017
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